Der Hanseverein bummelt durch die Geschichte

Hallmarkt und Marktplatz | Michas Welt - Geschichten aus Halle
von Michael Waldow

Rauchgeschwärzte Luft weht über den Platz im Thal zu Halle, wo dicht an dicht die strohbedeckten Koten stehen. Mit nackten, geschwärzten Oberkörper rühren dort die Salzwirker die Sole um und kontrollieren ständig das Feuer unter der Pfanne.

Rauchgeschwärzte Luft weht über den Platz im Thal zu Halle, wo dicht an dicht die strohbedeckten Koten stehen. Mit nackten, geschwärzten Oberkörper rühren dort die Salzwirker die Sole um und kontrollieren ständig das Feuer unter der Pfanne. Die Temperatur der Sole beträgt ca. 85 Grad, der Rauch zieht nach allen Seiten ab, ein Abzug oder Schornstein fehlt. Vor den windschiefen Kothen laufen die Bornknechte mit Trögen und schütten bei Bedarf die Sole in die Behälter der Kothe, die zur Hälfte innerhalb der Kothe und zur Hälfte außerhalb stehen.  In der Ferne hört man die Haspler, die mittels Treträdern die Sole aus den vier Brunnen ans Tageslicht heben. Es scheint ein ungeordnetes Treiben für den außenstehenden Betrachter zu sein. Doch hier im Thal hat man keine Zeit für Betrachtungen, es geht um das Salz, das aus der Sole gewonnen wird und verkauft werden soll. Es hängen viel Arbeitskräfte daran. Die Arbeit ist schwierig und um Kräfte sinnvoll einzuteilen, tauscht man in den Schichten auch die Arbeiten. Da wird aus der Mühsal der Haspler die nicht ganz so kräftezehrende Arbeit der Störzer.  Nur der Meister, der eigentliche Salzwirker an der Pfanne kann nicht eingetauscht werden.

Die Bornknechte tragen wieselflink die schweren Bottiche an Stangen über Balken oder besser Bretterstege, die ständig gereinigt werden, zu den Kothen. Über den schlammigen Platz ziehen sich viel kleine Kanäle, die die Restsole in die Saale jenseits der Stadtmauer leiten. Mancher macht, sofern es die Zeit erlaubt, einen kleinen Gang zur Kuttelpforte, einem kleinen Durchgang in der Stadtmauer an der Saale, die den Blick auf die Saale und den Strohhof freigibt, dort wo man die Asche lagert. Doch das ist wohl eher die Ausnahme. Zurück zu den Kothen sieht er die riesigen Türme der Gertraudenkirche, eben jener Kirche, die für das Thalvolk zuständig ist. Irgendwo schreit jemand auf und flucht. Obwohl das Fluchen bei Strafe verboten ist, scheint es hier verzeihlich, hat es doch bei den Brunnen einen Unfall gegeben und jemand sich die Hand gebrochen. Die Arbeit ist schwer, aber auch gefährlich. Doch die Gemeinschaft des Hallvolkes hat dafür besondere Solepfennige und kann dadurch den Familien helfen. Das schweißt zusammen und verbindet auch.

Im Thal gibt es eine eigene Gerichtsbarkeit und Grenzsteine markieren das Gebiet der Halle oder des Thales. Man bleibt unter sich, so wie es noch heute die Halloren tun, die aus dem Thalvolk hervorgegangene Bruderschaft. Traditionen sind wichtig, dürfen aber nicht über die Jahrhunderte zu sehr verkrusten, so wie Salz verkrustet, wenn es zu lange gelagert wird.

Ins Thal verirrte sich damals zur Zeit der Hanse niemand, der nicht dorthin musste. Selbst die Pfänner, denen die Kothen und Pfannen gehörten, ließen sich nur selten sehen und hatten ihre „Aufseher“, auch Bornmeister geheißen. Die regelten alles von den Preisen, über Siedemengen, dem Bedarf an Stroh und sogar was die Gesetze betraf. An denen Brunnen gab es Aushänge, die die aktuellen Salzpreise festlegten. Die Pfänner selbst lebten in schönen Fachwerkbauten, bunt bemalt und mit fantasievollen Namen auf dem Markt auf dem Berge, der 6m über den Thal thronte und sich unmittelbar an die Gertrudenkirche gegen Osten weitläufig erstreckte. Von hier aus roch man die Salzarbeit und bei ungünstiger Witterung lag der Rauch auch über den großen Marktplatz, der vollgedrängt mit Verkaufsscharren war. Kaum dass es den Fuhrwerken gelang sich einen Weg zu bahnen. Nach der Getrudenkirche kam gleich die nächste Kirche, die St. Marienkirche. Sie trennte nur ein schmaler Weg, gerade ausreichend für Prozessionen. Südlich der Kirche schmiegte sich gleich der Friedhof an, der aber zur damaligen Zeit eher einem Berg mit Unrat glich, wie Zeitzeugen berichteten. Danach kamen gleich die vielen verschiedenen Märkte. Im Wechselbad der Gefühle und der Gerüche quälte man sich am Fischmarkt und den vielen anderen Märkten durch. Für die Einwohner war es aber mitnichten eine Quälerei, war hier doch das Zentrum der Stadt, die Zeitung und das pulsierende Leben. Der Mensch der Neuzeit kann nicht mal annähernd erahnen, wie das leben damals war und würde sich erschrecken, wenn nicht noch schlimmeres. Die Straßen waren voller Schmutz, den schließlich musste der Inhalt der Nachttöpfe ja auch irgendwo hin. Toiletten und Kanalisation gab es so gut wie keine.

Wenn heute der Hanseverein und die Hansemagd in historischen Gewändern über die geschichtsträchtigen Plätze wandeln tun sie das aus Spaß und wollen mit ihren Bildern ein wenig mittelalterliches Flair verbreiten. Dabei erzählen sie sich Geschichten, wandeln Fotografien zu Bildern nach ihrem Geschmack um und wollen die Hansezeit nicht vergessen. Halle ist nicht nur Händelstadt, sondern eigentlich eine Salz- und auch Hansestadt. Die Zeit der Hanse war zwar nur kurz (1281-1479), aber im 14. Und 15. Jahrhundert unerlässlich für die Kaufleute und dem Freiheitsstreben der Stadt, ob die Quellen da nun dünn gesät sind oder nicht. Ohne die Hanse wäre so manches auf der Strecke geblieben.

Und so läuft der Hanseverein den Spuren der Geschichte nach und „gedenkt“ der Jugendzeit der Stadt, die zur einstigen Blüte führte. Auf die Gerüche und den Schmutz von damals konnten wir gern verzichten.

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