Es ist nun mal so

Der „Olle“ war Fahrer beim FDGB und man fuhr irgendwann einen alten Wolga, den er irgendwie von dem „Verein“ abkaufte. Die Leute guckten dann ganz schön dumm aus der Wäsche und mancher dachte, jetzt kommt ein Offizieller. Vorher war er bei der LPG und man konnte die Mangelwirtschaft schon mal irgendwie unterwandern. Heute nennt man das eine Hand wäscht die andere. Sie dachte darüber nicht groß nach, hatte anderes zu tun. Das war zu einer Zeit, als die Kinder noch klein waren, sie Traktor fuhr und irgendwann in einem Büro bei Monsator saß und Abrechnungen machte. Damals war das halt so.

Heute sitzt die 84-jährige Christa Immer, so ihr Name, gern mal bei einem Kaffee mit ihrer Nachbarin zusammen und klönt. Nicht unbedingt von alten Zeiten, sondern vom Leben, das sie mit burschikoser Art kommentiert und noch nicht hinter sich gelassen hat. Sie hat gekämpft für ihre Familie, für ihre Kinder, die sich nur noch selten blicken lassen können. Das ist nun mal so – heute. Da bleibt eben nur eine Nachbarin und Christa hat dabei noch Glück gehabt. Besagte Nachbarin, selbst noch berufstätig, half ihr über die schwere Zeit, als das Rentengeld nicht vorne und hinten reichte und so manche Träne den Alltag bestimmte.  Sie spricht nicht so gern darüber und genießt einfach die jetzige Zeit, wo endlich die Rente reicht und die Schulden aus der Vergangenheit beglichen sind.

Von der Couch will sie nicht mehr so recht runter, warum sollte sie auch? Ihr Leben ist noch nicht gelebt, aber die Zeiten der Reisen sind für sie vorbei. Über‘n Balkon schaut sie in die Welt, diese Fernsicht reicht ihr schon. Das ist nun mal so.

Da gibt es zu den Geburtstagen der Nachbarin und ihren immer ein besonderes Essen, das bestellt werden muss beim Griechen oder auch beim Chinesen, wo es sich Sushi nennt. Das Sushi ein japanisches Gericht ist, stört sie nicht, Hauptsache, es ist nicht scharf. So nimmt sie das Wasabi auch gar nicht erst zur Kenntnis. Aus dem Alter der scharfen Sachen ist sie längst raus und seit ihr „Oller“ nicht mehr unter den Lebenden ist, muss sie auch nicht mehr so viel kochen. Nur für sich halt. Die Nachbarn müssen für Frau Immer immer reichlich bestellen. Sie hat nun Geld für solchen Genuss. Der Tisch ist zu diesen Festtagen immer randvoll. Christa ist zufrieden und die Häppchen, die sie isst, sind so etwas wie eine Wiedergutmachung für sich und für die Vergangenheit. Die hilfsbereiten Nachbarsleute können dann auch ein paar Tage davon leben. Sie protestiert energisch, wenn man ihr den reichlichen Rest einpacken will. Das ist nun mal so.

Der Mann der Nachbarin profitiert auch davon, schließlich wird er an seinem Geburtstag und an Weihnachten mit Heringssalat bedacht. Er schwört darauf, es gibt keinen besseren. Sie freut sich über seine Geschichten, die er aus seinem Verein, dem „Salzstadtclan“ erzählt. Sie findet das Hobby gut und mehr noch, sie schaut sich die produzierten Filme hier und da an, liest die Publikationen und wird immer mit einem Kalender fürs neue Jahr bedacht. Natürlich in A3-Größe, der ihren Flur dann ziert. „Der ist aber schön“, ihr Lob könnte gar nicht größer sein. Der Nachbar, der mit dem Verein, ist stolz, hat er doch die Fotografien gemacht. Von Facebook, Instagram und Co. versteht sie nichts, will es auch nicht und nimmt das Leben heute aus dem Fernseher wahr, wo die Serien aus der Vergangenheit endlos sind. Das ist nun mal so.

Sie resümiert ihr Leben nicht, rechnet mit niemandem ab, kann vielleicht den oder den nicht leiden, macht aber kein Drama draus. Das war halt alles so. Das Leben geht weiter und nachdenklich sagt sie: „Auch nach mir.“ Und irgendwie will sie was Gutes tun und weiß auch schon wie. Sie hat sich den „Salzstadtclan“ erkoren und spendet fleißig für „So etwas“. „Ich kann das Geld ja nicht mit ins Grab nehmen“, meint sie und wenn man etwas erwidern will, winkt sie ab. Es sind keine Reichtümer, solche mit mehrstelligen Nullen, es sind Reichtümer mit ganz viel Dankbarkeit, solche, die Neider und reiche Leute nicht mal annähernd begreifen oder längst vergessen haben. Sie würden drüber lachen, für Christa ist es einfach mehr als nur ausreichend. Die Spende, die sie monatlich gibt, ist nicht groß, aber es ist für den Verein eine Art Bestätigung, ein Lob, etwas, was so eigentlich nicht dauernd ist.

Für die alte Frau ist es nach Jahren der Entbehrung eine Selbstverständlichkeit und ohne, dass sie einen Gedanken daran verschwendet, macht sie sich unsterblich, wenigstens ein bisschen, für den Verein sowieso. Der ernennt Christa einfach zum „Ehrenmitglied“. Da wird sie sich nicht dagegen wehren können. Das ist nun mal so!

Eine alte Frau und ein Verein | Michas Welt - Michas Clan
von Michael Waldow

 

Ihr Leben war nicht immer einfach und wenn sie ein Resümee ziehen sollte, winkt sie wohl eher ab. „Das war halt so“, meint sie lakonisch. Wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählt, dann ist man in einer anderen Zeit und in der DDR.

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