Shire Horse Geschichten III

Tori beim Zahnarzt | Michas Welt - Pferde
von Michael Waldow

Es gibt nur wenige Menschen, denen ein Zahnarztbesuch nichts ausmacht und noch weniger Menschen, die gern zum Zahnarzt gehen. Das wenigstens haben wir Menschen mit den Pferden gemeinsam.

„Bei Pferden ist alles ein wenig XXL oder besser ein paar Mal XXL.“, grinst dann auch der Pferdedentist Herr Schmidt und gibt den Blick auf seine Instrumente frei. Da ist Mensch ganz froh kein Pferd zu sein und Toris Besitzerin Sandy erfasst nun doch etwas Mitleid für Tori, ihrem Shire Horse, deren Mahlzähne Zahnspitzen aufweisen, wie der Pferdezahnarzt feststellt. Er verschiebt die Kiefer gegeneinander und hört wie es knirscht. „An dieser Musik“, erklärt er später, “erkennt man schon den Zustand des Gebisses.“

Schnell ist die Stute sediert und steht mit einer LMAA-Stimmung vor dem Tierarzt, der sie fern jeder Realität liebevoll Rehlein tauft. Der Mann hat Humor und nimmt schon eines der überdimensionalen Geräte in die Hand, um tief in dem Rachen zu raspeln. Vorher verschwindet fast sein Arm im Maul, weil die letzten Zähne doch ziemlich weit hinten versteckt sind. Derweil muss Toris Besitzerin die Kopfhebevorrichtung (den Dentalhaltering) betätigen, was dann wegen ihrer Größe doch ein wenig urkomisch aussieht. Mit einer Art Bergwerkslampe untersucht der Dentist das Gebiss und schaut tief ins Maul. Das Maulgatter erlaubt die sanfte, dauerhafte Öffnung des Pferdemauls.  Die Töne der Werkzeuge gehen unter die Haut und die Rest der abgeschliffenen Zähne staubt aus dem Maul des Pferdes und verbreiten einen seltsamen Geruch.

Akribisch und professionell geht Schmidt zu Werke und erklärt nebenbei noch ein paar Geheimnisse des Pferdegebisses. Der Besitzerin ist zwar nicht neu, dass Pferdezähne lange wachsen, aber 15 Jahre sind schon eine geraume Zeit. „Die Zähne sollten dann rausfallen. Tun sie aber nicht immer so, wie die Natur es vorgesehen hat.“, erzählt er. „Bei einem Pferd musste die Besitzerin den Notdienst holen, weil der Zahn sich in der Speiseröhre verklemmte, da kommt man schlecht ran. Man sollte nicht zu lange warten, bis der Zahn fällt.“ Das klingt nach regelmäßiger Begutachtung durch den Dentisten. Die ganze Prozedur samt Feinschliff mit der Handraspel und Zahnspülung dauert gut eine halbe Stunde. Zum guten Schluss bewegt der Dentist noch einmal das Pferdegebiss oben und unten vorsichtig gegeneinander. Sandy und Zahnarzt horchen ganz verzückt der neuen Knirschelmusik und sind zufrieden. „Ja, klingt anders.“, freut sich Sandy, „Das höre ich sogar.“

Tori nimmt es gelassen hin, ob es nun an der Sedierung liegt oder ihrer Einstellung kann nicht genau gesagt werden.

Nach der Zahnbehandlung muss sie auf dem Reitplatz um einen Aufwachspaziergang zu machen. Anfangs hängt der schwere Kopf nach unten und die Lust auf den Spaziergang hält sich in Grenzen. Etwa anderthalb Stunden später hat sie sich endlich wieder so gefangen, dass man beruhigt zu ihr „Waches-Pferd“ sagen kann.
Die Sedierung hält ca. eine Stunde an, erst dann kommt der Schluckreflex wieder zum Vorschein und ab da an darf das Shire auch wieder fressen.

Und so ist Tori wieder ein Stück weiter auf ihrem Weg ein glückliches Pferd zu werden und Sandy ein paar Euro leichter. Aber sie wehrt ab. „Man weiß das, wenn man ein Pferd hält und muss halt immer etwas zurücklegen.“ Toris Halbschwester Anouk kommt im Oktober ebenfalls dran.

Aber bis dahin ist ja noch Zeit.

(Bericht April 2016, weitere Geschichten folgen)
(Fotos: Michael Waldow)

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