Shire Horse Geschichten V

Die Wurmkur | Michas Welt - Pferde
von Michael Waldow

Eine Wurmkur zu machen, klingt erst mal gar nicht lustig. Und gerade mit den Palisadenwürmer (Blutwürmer, Strongyliden) hat die Natur eine besonders unangenehme Spezies hervorgebracht, um den inneren Organen der Pferde zuzusetzen. So erlebte Tori ihre erste Wurmkur bei ihren neuen Pflege"eltern".

Schon früh am Morgen wimmelte es in den Boxen von Einstellern, die erstmal entmisten mussten.  Einige Pferde auf der Koppel hatten schon ihre klebrige Paste gegen die Biester bekommen. Da Pferde selbst die kleinsten Tabletten wieder ausspucken, erfanden findige Geister, die wie Pferde dachten, eben jene Paste, die die Pferde schlucken müssen.

Da Tori im Ponystall stand, war dort die Sache der Reinigung relativ schnell von statten gegangen. Also machte sich Sandy diesmal an Anouks Stall zu schaffen. Sie und ihre Pflegebeteiligung sammelten erst einmal die Pferdeäpfel auf. Das gab schon Anlass zu mehr oder weniger ernsthafte Betrachtungen über Pferdeäppel im Allgemeinen und im Besonderen. Micha, die Pflegebeteiligung, konnte sogar schon Wissen anwenden, das er sich über die Konsistenz der Haufen angeeignet hatte. Als Student sammelte er im Zoo schon mal als Teil seiner Arbeit Losungen (Kot) von allen möglichen Tieren ein, einschließlich einer stattlichen Anzahl von Gewöllen (Ausscheidung von Eulen). So finden denn auch die Hinterlassenschaften der Tiere ihre wissenschaftlichen Untersuchungen.

Dann misteten beide gründlich den Stall aus. Gott sei Dank half Christian mittels schwerem Gerät den Großteil des Einstreus auf den Misthaufen zu fahren. Das erleichterte gewaltig die Arbeit und man konnte sich auch einen Schwank erzählen. Insofern hat die Wurmkur einen positiven Effekt – es fördert ungemein die Kommunikation und, wenn man sich versteht, auch das Lachen. Mit Wasser wurden die Gitter abgeschrubbt und gleich mal der Stall von Spinnweben befreit. Micha schob die Schubkarre, Sandy fegte und kratzte den Boden gründlich sauber. Zwischendurch gab es ein Grillmittag mit mitgebrachten Würstchen. Alle drängelten sich um einen kleinen Tisch, was der Stimmung keinen Abbruch tat.

Der Magen hatte zu tun und die Hände danach auch. Es musste im Stall eine Flüssigkeit gesprüht werden, die den Mikroorganismen das Leben schwer machten. „Früher verwendeten wir auch Kalk.“, erzählte Christian, „Aber einige Pferde hatten damit Probleme.“

Dann war er schon unterwegs und holte eine Ladung Streu. Heute hatte er nur wenig Zeit, um noch großartige Lernstunden zu geben. „Verteil das Stroh gleichmäßig im Stall und lass an den Rändern eine Mistkabelbreite frei.“ Ohne zu murren, machte sich Micha an die Arbeit. Als er fertig war, war er auch ein wenig erstaunt über sich. Er hatte völlig vergessen zu fragen, warum er an den Rändern des Stalls frei lassen sollte. Klären konnte er die Sache an diesem Tag nicht mehr, weil immer, wenn er sich daran erinnern wollte, etwas Anderes passierte. Wie gerade in diesem Moment, wo er noch vor sich hin sinnierte. Sandy riss ihn aus seinen Gedanken. „Wir gehen spazieren.“, sagte sie in einem zwar sanften, aber keinen Widerspruch duldenden Ton. Gut, mehr als Nicken konnte Micha nicht, da er die Werkzeuge wegbringen und das Pflegeset holen sollte. Pferdelehrlinge müssen erstmal das machen, wo keine Gefahr droht. Fast keine Gefahr! Beim Aufhängen der Mistgabel stellte er sich unvorsichtig an und sie kam mit Getöse herunter. Aber das weiß ja keiner und man muss darüber auch nicht sprechen.

Mit vereinten Kräften wurden die Pferde geputzt und Micha bekam einen Einblick in die Pferdepflegebürstenwelt. Bürsten für den Dreck, für die Beine, für den Behang, der Furminator und anderen Dingen. Micha stand vor Tori und zupfte gedankenverloren an den immer noch vorhandenen Dreckklumpen am Unterbauch. Plötzlich trat Tori aus und zwar seitlich mit der Hinterhand. Unser Lehrling war verdutzt und stand Gott sei Dank nicht in Trittnähe. Christian merkte sofort, dass etwas los war und Micha musste betreten zugeben, dass er daran schuld war. Nun ging Christian zu Werke. Tori mochte die ziepende Behandlung mit dem Furminator am Bauch überhaupt nicht und versuchte auszuweichen und zu treten. Souverän setzte sich der Chef durch und ließ sich von Tori ganz und gar nicht beeindrucken. Micha, der (in seiner Praxiszeit beim Studium im Zoo) schon von Schlangen gebissen wurde, dem sich eine Ratte in den Hals festbiss, der von einem Strauß verfolgt wurde und von einem Wolf aus dem Käfig gejagt wurde, mit fauchenden Katzen gekämpft hatte, Streifenhörnchen jagte und Zebrafinken aus der Luft fing, war tief beeindruckt und musste ehrlich zugeben, dass er  viel Respekt vor der Arbeit mit den Pferden hatte.  Es reicht einfach nicht, nur tierlieb zu sein und Biologie studiert zu haben, es gehört auch eine gehörige Portion Erfahrung im Umgang mit jedem Tier.

Nach dem Putzen ging es mit Anouk, Bella, Tori und der Schäferhündin Goja auf Spaziergang in die Lunze. Der Wind blies der kleinen Gruppe ganz schön ins Gesicht, was Tori etwas irritierte. Sie stellte sich quer und scheute ein wenig. Selbst in der Lunze hatte Sandy ein wenig Schwierigkeiten, setzte sich aber tapfer durch und ließ auch nicht zu, dass Christian mit ihr tauschen wollte. „Sie testet sich aus.“, meinte Christian trocken. Sandy tat Micha ein wenig leid und um das Leid nicht mitansehen zu müssen, ging er tapfer vorneweg. Außerdem musste er auf Goja aufpassen und eine Leine anlegen, wenn andere Hunde kamen, was dann auch nicht so einfach war. „Du musst dich vor ihm stellen, du bist sein Beschützer“, belehrte Christian mich. Das eine ist dies zu wissen, das andere ist dieses Wissen im rechten Moment einzusetzen.

Zwischendurch machte wir eine Fress- und Fotopause, um dann den Heimweg einzulegen. Sandy war ganz froh, baldigst zurück zu sein und wurde als „Dank“ von Tori aus Versehen in die Hacken getreten. Um den Dank komplett zu machen, stellte sich Tori auch mal gemütlich kurz auf Sandy‘s Fuß, was Selbige dazu veranlasste, Christian des Abends zur Fußmassage zu verdonnern. Gut dass sie ihre Spezialschuhe anhatte.

So war die Wurmkur von nutzbringender Bedeutung und diente, zwar indirekt, aber immerhin der Beziehungspflege. Und während die einen ihre Beziehung pflegten, pflegte Micha seinen Körper bei sich zu Hause auf der Couch. Und so hatten Pferdebesitzerin und Pflegebeteiligung ein abschließendes Lächeln auf dem Gesicht und Christian hoffentlich auch.

(April 2017)

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