Von der Freiheit der Pferde

Salt Rook Shire Horses | Michas Welt - Pferde
von Michael Waldow

 

Endlich ist es Mai. Das Wetter ist gut und die Darsteller für den folgenden Akt gesäubert, gestriegelt, versorgt und wartend auf das, was da kommt. Wenn Pferde träumen könnten, würden sie wohl saftiges Gras sehen und ein großes Terrain, wo sie endlich mal so richtig rennen können.

Christian Schurig bastelt noch am Koppelzaun herum. Es liegen Wochen angestrengter Arbeit hinter ihm, denn so eine Koppel will gepflegt werden. Wildschweinhorden rissen die Zäune um, neue Tore mussten gekauft werden, um die Stuten von dem Hengst und den Wallachen auf der Koppel zu trennen. Stromlitzen wurden gespannt, damit die Tiere nicht ausbrechen können. Immerhin handelt es sich um zwei über 900 kg schwere oder leichte (je nach Sichtweise) Shire Horsestuten, einen jungen Shirehorsehengst und zwei Haflingerwallachen. Dazu kommt noch die Pflege des Bodens, als die Pferde Ende Oktober wieder auf den Shire Hof heruntermussten. Ihre Überreste (Pferdeäppel) mussten beseitigt und im Frühjahr der Boden aufbereitet und Gras gesät werden. Bei Trockenheit wurde auch noch Wasser dazugegeben. Und das alles nach der Arbeit. Sandy, die Shire Horse Besitzerin, hat eine Vollzeitjob und Christian, ihr Unternehmenspartner, arbeitet auf dem Bau. Das Hobby kostet Geld und nur vom Reitertraining lässt sich nicht leben, da es die Ausrüstung nicht umsonst gibt. Da wird nach der Arbeit weitergearbeitet, auch wenn es mal spät wird. Das gefällt nicht unbedingt jedem, aber irgendwie muss man ja Geld verdienen und kann sich schlecht in Luft auflösen. Wie dem auch sei, die beiden Unternehmenspartner haben einiges geschafft und ihre fünf Pferde werden es ihnen danken.

Die Shire Horsestuten sind schon eine imposante Gestalt. Einst aus Ritterpferden herausgezüchtet, die im 12. Jahrhundert die schweren Ritter problemlos trugen, geriet die Rasse mit dem Niedergang der Ritter in Vergessenheit. Es waren leichte und wendige Pferde gefragt. Erst im 17. Jahrhundert erlebten die Rasse ihre Renaissance in den Grafschaften (engl. Shire) Südenglands. Seitdem sind die „Gentle Giants“ (sanfte Riesen) wieder gefragt. Und so ist aus dem Mädchentraum von Sandy ein respektables Hobby geworden und Christian, der Reitlehrer, kennt seit seiner Jugend die Pferde und hat sich in die Riesen inzwischen auch verguckt. Schließlich haben das Unternehmen „Salt Rook Shire Horses“, wie sich ihre Zusammenarbeit nennt, noch einiges vor mit den Shires. Salt Rook heißt so viel wie Salzturm und ist eine Reminiszenz an Halle, der Salzstadt und der größten Pferderasse der Welt. Ganz vernarrt ist die Sandy in den vor drei Jahren geborenen Hengst ihrer Stute Anouk. Diamant heißt das prächtig heranwachsende „Tierchen“, der wie seine Tante Tori (die zweite Shire Stute), übrigens gern schmust, was für den Beschmusten bei den riesigen Köpfen manchmal ein Problem darstellt.

Christians Haflinger, Schulpferde von Beruf und begnadete Shootingmodels des unternehmenseigenen Hoffotografen, haben schon einige Jahre auf dem Pferdebuckel, was man ihnen heute nicht ansieht, haben doch die Reitbeteiligungen Lili und Leandra (beides Schwestern) sich für die Jungs in Zeug gelegt. Ihr Vater, auch ein Christian, lässt es sich nehmen, an diesem Tag des Koppelgangs dabei zu sein und schippt schon mal die restlichen Pferdeäpfel aus den Ställen. Sandy weiß die Leute schon zu dirigieren. Ihre Tochter Sophie ist für die Fotografie mit eingeteilt, hat sie doch schon so manchen Schnappschuss realisiert. Schließlich müssen trotz allem ja auch noch die Corona Vorschriften beachtet werden, was schon allein durch die Trennung der Tiere auf dem Hof kein Problem ist.

Weitab vom Schuss sitzt ein zweiter Fotograf und kämpft mit der Fotoausrüstung. Er will alles festhalten und einen Bericht schreiben. Noch streikt Gimbal, Nikon und Co. Endlich kommt Christian Schurig von der Koppel und hat die letzten Stromkreise geschlossen.

Zuerst werden die „Jungs“ zur Koppel geführt.  Fotograf, Sandy und Sophie haben sich weit auseinander postiert, die eine für Filmaufnahmen und die anderen für Fotos. Kaum werden Alex, Nando und Diamant vom Halfter befreit, geht es im wilden Galopp durch die neu gewordene Freiheit und es beginnt ein wildes Rennen. Irgendwann wälzen sich die drei auch auf der Erde. Freude pur. Den Tieren geht es gut, die harte Arbeit hat sich gelohnt.

Danach sind auf einem anderen Stück Koppel die Stuten dran. Man muss schon aufpassen, wie man sie freilässt. Tori ist ganz aufgeregt und etwas zappelig. Wenn die losgeht, sollte das in die richtige Richtung sein. So einen Koloss hält man nicht auf. Es ist faszinierend zu sehen, wie die muskelbepackten Stuten in vollem Galopp rennen. Die Mähne weht im Wind. Zwischendurch gibt es immer wieder ein kurzes Stehenbleiben und Gras fressen. Lili treibt die beiden für die Filmaufnahmen ein wenig. Da wird eine Menge guter Fotos und Filmaufnahmen gemacht. Es ist nur schwer zu fassen, dass es Menschen gibt, die diese Natürlichkeit nicht mögen. Dafür schätzen sie halt ihre Gemütlichkeit auf dem Sofa. Es ist müßig darüber zu sinnieren. Aber gut, dass es das Internet gibt, wo man sich den Koppelgang und noch vieles mehr in Galerien anschauen kann. Hier sind wir Pferd und Mensch, hier dürfen wir sein.

Nun bleiben die fünf „Ponys“ (sogenannt von Christian und Sandy) ein halbes Jahr auf der Koppel, bevor es über Winter wieder auf den Hof geht.
Das Unternehmen „Salt Rook Shire Horses“ ist zufrieden am heutigen Tag. Sandy und Christian haben auch einige Freizeitangebote rund um die Pferde anzubieten, denn schließlich wollen die Pferde des Unternehmens bewegt werden und auch ihre „Brötchen“ verdienen. Sophie ist jedenfalls auf ihre Bilder gespannt und der Fotograf lächelt.

 


Video vom Bericht "Die Freiheit der Pferde"

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