Ein Pferdeabenteuer

Das Fohlen Diamant | Michas Welt - Pferde
von Michael Waldow

Da steht er nun, der kleine Mann. Schwarz, hochbeinig, mit weißen Behang, ein wenig irritiert, aber so gar nicht ängstlich auf dem Hof von Sandy, der stolzesten Pferdebesitzerin der Welt, zu mindestens in dieser Minute. Fasziniert blickt sie auf ihren Stolz, den zweijährigen Shire-Hengst Diamant und kann es noch gar nicht so recht fassen. Er ist zu Hause angekommen. Ein Kindheitstraum hat sich verwirklicht. Sie ist eine richtige Pferdemama.

Doch gehen wir an den Anfang des Tages zurück, als sich Sandy, ihre Tochter, Christian ihr Partner und ich, Freund und Fotograf der Familie aufmachen, den Hengst zu holen. Immerhin hat die Familie schon zwei Shire, die Mutter von Diamant Anouk und ihre Halbschwester Tori. Beide Tiere habe ich begleitet, solange sie im Besitz von Sandy sind. Anouk sah ich das erste Mal, als ich Sandy noch gar nicht kannte.  Meine Kamera und ihre Neugier waren der Beginn unserer tiefen Freundschaft. Obwohl ich durch und durch Biologe bin, in meinem Leben viel mit Tieren zu tun hatte, im Hallenser Zoo während des Studiums ein Praktikum absolvierte, hatte ich nie groß mit Pferden zu tun und wusste lediglich von ihren Hufen, ihrem Schweif und ging ihnen mehr aus dem Weg, als das ich mit ihnen etwas anfangen konnte. Das änderte sich durch die Freundschaft mit Sandy und ihrem späteren Partner, einem Pferdtrainer, radikal. Ich lernte viel über die Pferde, lernte sie zu führen und mit ihnen umzugehen, machte einen Lehrgang bei einer bekannten Parelli Instruktorin mit, beschäftigte mich intensiv mit der Geschichte dieser Tiere und fotografierte sie, wann ich konnte. Wie oft besuchte ich frühmorgens die Koppel, oder genoss im Beisein der Pferde den Sonnenuntergang von Lettin.

Meine Angst vor den Tieren wich dem Respekt und ich begriff die früheren Reitervölker, die ihr Pferd in die Familie integrierten und den Fehler heutiger Pferdebesitzergenerationen vermieden – das Pferd zu vermenschlichen. Viel brachte mir auch Christian über diese Tiere bei, wie sie sich bewegen, wie sie „denken“ und wie oft die Menschen einen weiteren Fehler machen, nämlich in Pferden ihre eigenen Gefühle und Gedanken hineinzuinterpretieren. „Möchtest du mit einem Pferd umgehen, musst du denken wie ein Pferd und dich so bewegen.“, eine Weisheit von Christian, die eigentlich keine ist, versucht man die Natur dieser Tiere zu verstehen, die nicht umsonst Fluchttiere sind. So erkannte ich auch schnell meine Grenzen und wusste, dass eine Pferdehaltung für mich niemals in Frage kam und trotzdem fing ich an, diese Tiere auf meine spezielle Art zu mögen und sie nicht nur als biologische Wesen, sondern auch als Gefühlswesen zu sehen und schätzen. So haben Anouk und Tori ihren ganz speziellen eigenen Charakter und brauchen schon deshalb eine eigene individuelle Führung, da ist nun mal Pferd nicht gleich Pferd.

Wir sind immer noch am Anfang des Tages und fahren endlich los zum Abenteuer „Diamant holen“. Mir ist eigentlich in diesem Moment das Abenteuer noch gar nicht bewusst, doch Sandys Satz: „Entweder geht die Verladung schnell oder es dauert drei Stunden“, will mir nicht so recht aus dem Sinn.  Ich habe selbst schon Anouk einst beim Lehrgang verladen: von vorne und sogar rückwärts und war stolz wie Oskar, es nach drei Versuchen geschafft zu haben. Da ist doch die Verladung eines zweijährigen Hengstes nichts Aufregendes, oder? Doch mir fällt die Geschichte einer Pferdebesitzerin ein, die ihr Fohlen verladen lies, das sich weigerte und schlussendlich den Führer Krankenhausreif trampelte. Ich weiß nicht, welche Fehler gemacht wurden, bin aber überzeugt, dass hier der Faktor Mensch die ausschlaggebende Rolle spielte. Sandy meint dann immer: „Wenn ein Pferd zum Arschloch wird, hat der Mensch es dazu gemacht.“

Auch sie lernte durch Christian viel dazu. „Ich war, als ich damals Anouk holte, unbefangen und ein wenig naiv. Auf Dauer war das weder für sie (Anouk) noch für mich gut.“, sagte sie mir in einem nachdenklichen Moment.

Bald waren wir im Gestüt- Radegast/Prussendorf wo Diamant die letzten zwei Jahre in einer Fohlenherde „pferdisch“ lernte. In seiner Entwicklung zum Hengst ein wichtiger Prozess. Alle paar Wochen besuchte Sandy mit ihrer Familie, und ab und an auch mit mir, Diamant, um zu sehen, wie er sich entwickelte. Aus dem einstigen grauen „Eselchen“ hat sich inzwischen ein stattliches Shire Horse entwickelt.

Ich stehe staunend vor Diamant und sehe amüsiert zu, wie der Hengst von Sophie und Sandy gekrault und geknuddelt wird. Das klingt jetzt ein wenig zu menschlich, ist aber in dieser Situation wohl nur allzu verständlich und wird von Diamant nicht nur geduldet, sondern fast schon gefordert. In ihm kommt schon der Gentle Giant zum Vorschein, der sanfte Riese. Sandy ist überglücklich und wartet gespannt auf die Verladung. Behutsam führt Christian das Tier zum Hänger. Der Hengst bleibt stehen, beäugt misstrauisch die Umgebung, Christian redet beruhigend auf ihn ein. Christian fehlt jetzt jede falsche Emotion, er handelt so, wie es ihm die Erfahrung im Umgang der letzten Jahrzehnte gelehrt hat. Diamant „schreitet“ souverän auf den Hänger zu, zögert einen winzigen Moment und verschwindet dann in dem Gefährt. Schon kurz vorher hatte man ihn von seiner Herde getrennt und allein gestellt, allerdings mit Blickkontakt zu anderen Pferden, ein wichtiger Schritt, um die Verladung stressfreier zu machen. Der Leiter des Gestüts erzählte: „Letztens hat jemand sein Pferd geholt, direkt von der Weide, es verstaut und als er losfuhr und den Hof verließ, machte das Tier solche Randale, das der Hänger bedrohlich schwankte.“ Erst jetzt erahnte ich das Abenteuer, dass bis hierher Gott sei Dank ausblieb.

Die Fahrt nach Hause erfolgte im Schneckentempo. Wir zuckelten mit 30-40 Stundenkilometer auf den schaukelnden Straßen dahin und Christian konzentrierte sich nicht nur auf den Weg, sondern nahm jede Bewegung des Pferdes war: „Er versucht sich zu stabilisieren… Hast du gemerkt, jetzt gab es einen Stoß nach vorn… Er muss sich erst ausbalancieren… Es ist schon mancher in den Graben gelandet, weil er 5 Stundenkilometer zu schnell fuhr und das Pferd durchdrehte… Für Diamant ist das Stress, Trennung von seiner Herde, ein relativ dunkler enger Raum, die Schaukelei, ungewöhnliche Geräusche… Ihr könnt reden, aber stellt mir momentan keine Fragen, ich konzentriere mich voll auf die Straße und den Hänger…“, so kommentierte er die Fahrt und gab trotzdem noch Informationen weiter. Mir dämmerte die ganze Tragweite dieses Abenteuer, das auch ganz anders hätte verlaufen können.

Ohne Zwischenfälle kamen wir auf Sandys Hof an. In den letzten Jahren hatten sich hier beide auf ihrem Grundstück ein kleines Pferderefugium, entgegen von Widerständen, Unkenrufen und Gerüchten, dank der Hilfe von Sandy’s Vater, geschaffen. Ich bewundere die Beiden, wie sie das Ganze trotz beruflicher Belastung, Sandy geht voll arbeiten, Christian macht zwei Jobs, einen auf Baustellen und dann als Pferdetrainer, schaffen. Immerhin haben beide insgesamt fünf Pferde zu unterhalten. Gut dass Sandy Freunde hat, die zu ihr halten und ich konnte auch schon mit meinen Schülern bei Aufräumarbeiten helfen und unser Hanseverein stellte Material für den Unterstand zur Verfügung.

Diamant wurde in seinem neuen Heim behutsam eingeführt. Christian ließ ihn schnuppern, riechen und die „Bücher lesen“. Die „Bücher“ sind absichtlich liegen gebliebene Pferdeäppel der beiden Haflinger Alex und Nando, die momentan auf der Koppel grasten und noch nichts von ihrem neuen Gefährten ahnten, bis zu dem Moment, als Diamant wieherte und die beiden standesgemäß antworteten. Schnell hatte sich Diamant die neue Umgebung erschlossen und schon wälzet er sich vergnügt im Staub, naschte vom Heu und nahm Wasser aus den speziellen frostfreien Pferdetränken mit Ballverschluss auf. Das war höchst bemerkenswert, hatte er diese Dinger doch noch nie gesehen.

Zwei Stunden später ging es mit ihm auf die Koppel zu seinen neuen „Freunden“ den Haflingern. Die Begrüßung erfolgte pferdestandesgemäß und war eher unspektakulär. „Besser konnte es nicht laufen“, sagte Christian tief zufrieden und Sandys strahlende Augen verrieten einiges über ihr Innenleben. Auch Töchterchen Sophie war hellauf begeistert, machte sie sich auf dem Weg zu Diamant über alles Mögliche Sorgen.

Auch ich hatte mein Abenteuer, von dem ich nichts ahnte nun hinter mir und wir resümierten den Tag bei einem Glas Sekt. Als nächstes steht die behutsame Eingewöhnung von Diamant an, im kommenden Jahr die Körung und dann vielleicht seine Verwendung als Zuchthengst. Selbst will Sandy nicht züchten, hatte sie auch nie vor. Sonst wäre es kaum noch ein Hobby. Und das soll es bleiben. Ich bin zufrieden und habe schon den vorliegenden Bericht vor Augen.


Na dann Diamant, auf ins neue Leben.

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