Mandy

Geschichten | Michas Welt - Poesie
von Michael Waldow

Ich brauchte ganz dringend ein Tier. Eine neue Katze. Unsere Vierfarbkatze mussten wir abgeben an einen Bauernhof. Sie ließ sich partout nicht von ihrem Klo überzeugen und machte hin, wo sie gerade lustig war.

 

Sie war einfach zu alt, als wir sie aufnahmen und konnte an ein Leben in der Stube nicht mehr gewöhnt werden. Das kostete uns eine Teppich und letztendlich die Katze.

 

Also machten wir uns auf zum Tierheim. Nun bin ich eher der Typ, der Wert darauflegt, von einem Tier akzeptiert zu werden und nicht einfach zu nehmen, was meinem Auge entspricht. Das Auge kann trügen, dass Herz nicht und Tiere nehmen es mit der Sympathie gewöhnlich sehr genau. Natürlich spielte auch das Aussehen eine Rolle, aber das musste ich ja nicht zugeben, schon gar nicht gegenüber einer eigenwilligen Katze. Ich versuchte diesen Gedanken also so gut es ging zu verstecken und kehrte meine biologische Seite heraus. Viele Katzen im Tierheim nahmen dies zur Kenntnis und ignorierten mich schlichtweg. Und dann kam sie. Die wunderbarste Katzenlady der Welt. Mandy schoss es mir durch den Kopf. Ich verbinde aus irgendeinen Grund diesen Namen mit Mandelaugen und genau die hatte sie. Dazu ein schwarzes, seidiges Fell mit weißen Unterbauch und weißen Pfoten. Den Schwanz aufrecht, stolzierte sie auf mich zu. Ich setzte mich auf den Boden, was sie zur Aufforderung nahm, sich in meinem Schoß bequem zu machen. „Die ist es wohl!“, sagte meine Frau und bevor sie den Satz richtig zu Ende sprechen konnte, stand mein Entschluss fest. Ich war in diese Schönheit bis über beide Ohren verliebt und Mandy wusste das auch. Sie schnurrte zustimmend. Eine Stunde später waren wir zu Hause. Sie inspizierte die Wohnung, ging aufs Katzenklo und fand zielsicher die kleine, zurecht gelegte Decke im Schlafzimmer, rollte sich hinein und schlief. Ich war fassungslos, hatte ich doch ein neugieriges Umhersuchen erwartet. Nichts. Ich machte mich in die Küche und bereitete aus rohem Fleisch verschiedene Katzengerichte zu. Es gab zu DDR Zeiten kaum Katzenfutter und ich wollte sie verwöhnen.

 

Am nächsten Tag stand mein Futter ungenutzt in der Küche. Sie hatte es verschmäht. Ich war frustriert. Sie lag auf ihrer Decke und schlief. Ich streichelte sie sacht, sie bewegte sich nur wenig und schnurrte. Ihr Katzenklo war benutzt. Ich war ein wenig beruhigt. Vielleicht muss sie sich an das Futter nur gewöhnen. Im Katzenhaus hatte ich vergessen zu fragen, was ich schleunigst nachholte. Ich erfuhr, dass sie schon ein paar Wochen nur schlecht fraß und keiner wusste so recht warum. Mandy war vier Jahre, eine wichtige Information. In meiner Euphorie hatte ich nicht daran gedacht, etwas zu erfragen. Sie war abgegeben worden aus unbekannten Gründen. Einen Tierarzt hatte sie im Katzenhaus zuvor nicht gesehen. Ich bestand ja darauf, sie sofort mitzunehmen. Kein Mensch der Welt hätte mich daran hindern können. Sie hatte sich in mein Herz eingefressen und wen ich dort einschließe, den lasse ich nur schwerlich wieder los.  Das war schon immer ein Problem.


Ich brachte sie zum Tierarzt, inzwischen war schon eine Woche vergangen. Sie schlief viel, kam zu mir in die Stube, kuschelte und schnurrte, fraß ein paar Brocken und schlich zurück zu ihrem Platz. Manchmal setzte ich mich zu ihr und streichelte sie nur einfach. Ich erzählte ihr alles, was ich über Katzen wusste und schilderte ihr meinen verzweifelten Kampf um einen Hund, den ich verlor. Sie wusste mehr über mich, als ich über sie.


Der Tierarzt impfte sie nach allen Regeln der Kunst und machte mir Vorwürfe, dass ich zu spät gekommen sei. Ja, Gott, was wusste er schon von meiner Zeit und sie hatte ja auch nichts.

Ach, das wird schon wieder. Zu Hause verwunderte mich Mandy immer mehr. Sie hatte kein Interesse für die Wohnung, spielte nicht, suchte aber ständig meine Nähe, allerdings immer nur für einen kleinen Moment. Das war seltsam und ungewöhnlich. Eines Tages holte mich meine Frau zum Katzenklo. Zwischen dem Kot lagen kleine Plättchen, die mir bekannt vorkamen. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Ein Bandwurm. Blitzartig wurden mir die Symptome bewusst. Mandy war nicht uninteressiert, sondern sie hatte Schmerzen und war geschwächt. Wir hatten sie gegen Würmer geimpft, aber dieser Bandwurm hatte schon Finnen abgekapselt und die wanderten durch den Körper zur Lunge, zum Gehirn. Ich hasste mich. In meiner grenzenlosen Liebe zu dem Tier hatte ich die primitivsten Dinge übersehen, habe nichts erfragt, bin vielleicht viel spät zum Tierarzt gegangen. So empfand ich es jedenfalls.

Tierarzt! Ich beschloss sofort aufzubrechen, schnappte mir Mandy und ein paar von diesen Plättchen. Der Tierarzt hielt mir mit ernster Miene einen Vortrag über Bandwürmer und die Einhaltung von Regeln beim Erwerb einer Katze. Mir war sein Gequatsche egal, er sollte Mandy behandeln und nicht mich.

Ich wich nicht mehr von Mandys Seite: Nach der Arbeit saß ich bei ihr, streichelte sie, gab ihr die Medikamente. Sie schnurrte fast unentwegt. Ich war sicher, dieses Tier gesund zu pflegen. Meine Frau mied mich in dieser Zeit, ging mir aus dem Wege. In der Schule waren meine Gedanken ständig bei Mandy, ich hatte kaum noch Zeit für andere Dinge. Ich strebte so schnell wie möglich nach der Arbeit zu meiner Katze nach Hause. Sie wurde immer apathischer. Eines Tages kam ich nach Hause. Meine Frau empfing mich traurig. „Mandy ist gestorben.“ In mir krampfte sich alles zusammen. „Sie hat die ganze Wohnung nach dir durchsucht und kam zu ihrer Decke zurück. Ich nahm sie in die Arme und sie starb.“

Mandy lag auf ihrer Decke, als ob sie schlief. Ihr Fell war so sanft. Ich hatte sie auf dem Gewissen, meine verdammte Liebe hatte sie nicht beschützt, sondern getötet. In mir gab es einen Knacks. Ich bin Biologe, ausgebildet, habe die Diplomarbeit über Kleintiere geschrieben und bei ihr jämmerlich versagt. Ich habe mein Herz über mein Wissen gestellt und sie damit zu spät behandeln lassen. Ich fühlte mich jämmerlich, nahm das tote Tier und begrub es allein. Meine Frau sagte, ich war drei Stunden unterwegs. Ich wusste es nicht und wollte diesen Tag streichen. Noch heute seh ich sie ganz deutlich vor mir, ihre mandelförmigen Augen, ihr samtweiches Fell. Da ich gerade einen Minizoo in der Schule aufbaute, schwor ich mir, mich mehr auf mein Wissen zu verlassen, als auf meine Gefühle, was bei so vielen Tieren sowieso nicht ging. Ich wusste noch nicht, dass auch mein Wissen versagen konnte, aber das ist eine andere Geschichte. Die von Mia, einer sehr jungen Katze, die mich viel Kraft und Tränen kostete. 

(1985)

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