Der Baumwipfelpfad

Von der Harzburg, zwischen Himmel und Erde und einem vergesslichen Kellner | Michas Welt - Reportagen
von Michael Waldow

Ich gehöre ja in Halle zur Gruppe der Hallunken, nein, nicht dem Halunken mit einem „l“. Die Hallunken mit zwei „ll“ sind die Zugereisten. Aber mein Herz schlug und schlägt als geborener Halberstädter für den Harz. Und da soll es heute mal hingehen. Zurück zu den Wurzeln gewissermaßen.

Diesmal nehmen wir uns den Baumwipfelpfad in Bad Harburg vor. Der Pfad beginnt mit einem Disput über die Route, den ich zwar wegen Gedankenfehler verliere, aber durch das Navi doch richtig fahre. Sylvia schwatzt fröhlich vor sich hin, während ich sinniere und angestrengt darüber nachdenke, wie ich kleine Feierlichkeiten, die noch ausstehen, gestalte. Irgendwann beziehe ich sie in meine Gedankengänge mit ein. Sie wird meine Assistentin und notiert alles fleißig. Bald schon sind wir nach eineinhalb Stunden am Ziel. Das Ziel entpuppt sich zunächst einmal als falscher Ort. Wir sind in einer Hotelanlage. Hier sieht nichts nach Seilbahn oder Baumwipfelpfad aus. Sylvia macht einen auf Kundschafter und eilt in die Rezeption, bei der ihre eine farbige, blonde Mitarbeiterin erklärt, wo es lang geht.

Wir fahren ein Stück vom Ettershaus zurück und nach einer weiteren falschen Abfahrt und einem lautstarken Fluchen finden wir den ersten Parkplatz mit einem verzweifelten Mann, der vergeblich versucht, der Parksäule die begehrte Parkkarte zu entlocken. Die nimmt mit stoischer Gelassenheit sein Geld nicht an.  Ich bin mir nicht sicher, ob er schon lange hier steht und seine grauen Haare von dem defekten Automaten herrühren. Auch die Falten haben sich nicht nur um seine Stirn gelegt. Um dies bei meinen Stoppeln und in meinem Gesicht zu vermeiden, fahren wir kurzerhand einen Parkplatz weiter. Freilich ist das Ergebnis dasselbe. Das Parksäulendingens lässt sich mit Geld nicht beglücken. Die Parksäule steht einfach so rum und scheint irgendwie hämisch zu grinsen. Ich versuche es mit der EC-Karte und voilà ein paar Minuten später sind wir auf dem Weg zur Seilbahn. Man muss nur die richtige „Waffe“ haben.

Natürlich bemerken wir auf halber Strecke, dass unsere Handys im Auto liegen. Ich opfere mich gnädigerweise und hole die blöden Handys, während Sylvia sich schon mal bei der Bergbahn anstellt. Das war eine hervorragende Idee, hat sich doch schon, obwohl noch sehr früh, eine kleine Schlange gebildet. Nach einer halben Stunde sind wir in der Gondel, die in Abteilungen durch Plexiglasscheiben geteilt ist, in der jeweils eine Familie stehen kann. Das heißt wir zwei haben Sitzplätze, sind ja aber auch schon älter als die Gondel selbst.  In der Gondel mit Platz für 18 Personen sind nun 8 Mann plus Gondelfahrer, der sich schlicht Schaffner nennt. Das bärtige Etwas ist ein rechter Witzbold. Ich hab noch keine Lust mitzumischen, muss erst mal noch auftauen.

Nach 3 Minuten Fahrt sind wir auf dem Berg und vor der Ruine der sagenhaften Harzburgruine. Viel ist nicht zu sehen, aber ausgezeichnet beschildert und vor mir erheben sich die mächtigen Mauern. Ich sehe Ritter, Knappen, geschäftiges Treiben und aus dem riesigen Schlosstor kommt ein wunderschönes Burgfräulein und säuselt: „Schau mal, wie dick die Mauern waren.“ Vor mir steht Burgfräulein Sylvia mit Rucksack und grinsendem Gesicht, auf die 3 m dicke Mauer des Rundturms zeigend. Wie doch die Zeit vergeht. Ganz in historischen Fantasien versunken durchstreifen wir die Harzburg und wandern entlang des Baumwipfelpfads, der erst mal ebener Erde beginnt. Das Schild, das den Weg weist, ist bei der Harzburginformationstafel in einer Höhe angebracht, die Zwerge genügen würde und nur 15 x 10 cm groß ist. Hier wurde an Holz gespart.

Wir sind bald an der Schwebebahn angelangt, wo sich auch Wartende drängen. Die luftige Höhe ist mir nicht geheuer und das Quieken der an Seilen befestigten Leute, die zu Tale „schweben“, zeigt mir, dass für mich der befestigte Weg sicherer ist. Nur mein Alter zwickt und zwackt unter den Füßen und an der Hüfte. Ich bin völlig eingerostet. Allein das Quietschen der Gelenke fehlt. Ich sehe mich schon mit dem Rollator den Berg herunterlaufen und durch den unebenen Weg drohen mir die dritten Zähne herauszufallen.  Am Wegesrand sind hier und da Skulpturen aus Holz zu sehen. Eine Bank, die wie ein Blatt aussieht und auch eine hölzerne Hollywoodschaukel, die wir gleich mal okkupieren und Siesta machen. Ein Ehepaar kommt vorbei und bewundert die Schaukel. Ich bemerke, dass ich die Schaukel gerade hier für das Allgemeinwohl hingebaut habe. Es entspinnt sich ein interessantes Gespräch über Holztransporte und dem Bau unter erschwerten Bedingungen. Lachend gehen die beiden weiter. Bald darauf im schönsten Essen, kommt zwei junge Männer vorbei, die wohl der Beatleszeit entsprungen sind mit Kleidung aus zweiter Hand und zotteligem Haar. Sie suchen den Brocken und ich erkläre mit der mir gebotenen pädagogischen Erfahrung, dass der Brocken doch auf der anderen Seite liegt. Sie freuen sich über diese neue geografische Erfahrung. Hier bin ich Lehrer, hier darf ich’s sein.

Der Weg zieht sich hin und wie mir dünkt, in die völlig falsche Richtung. Sylvia versucht mich von der Richtigkeit zu überzeugen, kann mich aber von meinem Unmut nicht abbringen. Die blöden Handys funktionieren nicht und ich bekomme keine Daten. Also fange ich an den Leuten, die uns begegnen Ratschläge zu geben oder mit Gedichten zu beglücken. Da sind zwei beleibte, älter Damen, die verschnaufen. Mit ernster Miene teile ich ihnen mit, dass sie es bald geschafft habe, so in zwei, drei Stunden. Da bleiben die Münder offen und ein entsetztes „Zwei, drei Stunden?“ folgt. Ich kann das Leid nicht sehen und verkürze auf 30 Minuten. Hoffnung zu geben ist meine Stärke, auch wenn der Weg steil bergan angeht und gut 30 Minuten länger für die beiden dauern wird, schon allein wegen ihrer gewichtigen Pfunde.

Da ist das Pärchen, dass sich auf einem Stamm ausruht, dem ich im Vorbeigehen ein Gedicht hin schmettere. „Es sitzt sich gut in Waldesruh, Geschafft ist bald der Weg im Nu“. Sie lachen und sehen nun voller Energie aus. Meine gute Tat habe ich getan und der Herr belohnt mich damit, dass meine Alterserscheinungen wie weggeblasen sind. Bald kommen wir zum richtigen Baumwipfelpfad, da wo auch die Reise der schwebenden Menschen endet. Meine dichterische Ader setzt sich hoch zwischen den Wipfel ungeniert fort und ich ernte allerlei Blicke, deren Deutung ich nicht kommentieren will. „Nun kommen wir von des Berges Gipfel, durch des Baumes Wipfel.“ Das Singen verkneif ich mir, schon jetzt ist Sylvia verdächtig weit hinter mir. Das kann aber auch daran liegen, dass der Eisenweg in ca. 15 m Höhe gesäumt ist mit allerlei Hinguckern, Quizaufgaben, Spielgeräten und vielem mehr rund um die Natur und den Harz. Ich fotografiere viel und sende es auch an meine beste Freundin, die trocken kommentiert: „Das hast du aber mit geschlossenen Augen fotografiert“. Sie kennt meine Höhenangst, die aber hier gar nicht vorhanden ist, da ich die Leute unterhalten muss. Nur wo eine Art Brückenzunge mit durchsichtigem Glas unter den Füßen herausragt, ist meine magische Grenze. Mit einer jungen Frau und ihrem Sohn unterhalte ich mich lieber von Ferne über unsere todesmutigen Partner, die sich vorwagen. Wie mutig die nur sind, aber nicht jeder muss einen Blick riskieren oder seine Adrenalinwerte völlig unnütz in die Höhe schießen lassen. Die junge Frau und ich sind uns zwar unbekannt, aber einig. Wir sind davor ziemlich sicher.   

Zum Schluss erreichen wir die riesige Aussichtsplattform, die uns einen weiten Blick eröffnet auf schöne Landschaft und einige Betonklötze, die man Hotellandschaft schimpft. Der Weg nach unten geht spiralförmig und ist wieder gespickt mit allerlei Dingen zum Schauen und zum Anfassen.

Unten angekommen versucht ein Vater sein Kind durch den Eingang zu schieben: „Du musst dadurch und der Onkel wird dich fotografieren“, sagt er zu dem ängstlichen Mädchen von ca. 3 Jahren. Mit großen Augen schaut sie auf meine Kamera, ich mache eine Fakeaufnahme und siehe da, sie lächelt. Die Mutter warne ich hingegen vor dem Gruseleingang, den sie gleich durchläuft. Es gibt auf dem Weg einen eingebauten schwarzen Gang, in dem beim Betreten tatsächlich ein Gewitter über den Köpfen unmittelbar auftritt. Ich sehe noch die drei vorsichtig im Raum verschwinden. Ich grinse breit und Bad Harzburg hat uns wieder.

Wir geben dem Tag noch mit einem Pfirsicheisbecher einen Abschluss an dem nur drei Autominuten entfernten Radauwasserfall. Der Wasserfall wird noch besucht, fotografiert und nachdem wir unserer touristischen Pflicht Genüge getan haben, lassen wir es uns schmecken. Und genau hier passiert mir wieder mal das, was ich so hasse, aber immer und immer wieder erfahren muss. Die Dämonen des Gastrogewerbes schlagen zu und der Kellner vergisst eine meiner Bestellungen, ein simples Glas mit Milch. Dies „die Bestellung des komischen Typs vergesse ich mal“ Dingens, ist mir schon so oft passiert, dass ich inzwischen mit gerunzelter Stirn förmlich darauf warte. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bemerkt Sylvia, dass dem Pfirsicheisbecher Melba die Krönung fehlt, nämlich die Himbeersauce. Leider stellt sie es erst am Ende fest, nachdem wir genüsslich Eis und Pfirsiche im Mund zergehen lassen haben. Sie ärgert sich, ich lasse es stoisch über mich ergehen. Bin ich‘s doch gewohnt. Der Kellner wird noch mit sarkastischen Worten und einem Trinkgeld von 40 Cent abgespeist. Er verspricht Besserung und wir geloben es, dies in 30 Jahren nochmal zu testen.

Trotzdem zufrieden, fahren wir aus der alten Heimat in die neue Heimat nach Halle-Neustadt zurück. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich war wieder mal das, was ich immer noch gerne bin. Ein kleiner, feiner, etwas rundlicher Harzer. Aber wer ist schon perfekt.

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