Harzdrenalin

Die "höllische" Titanbrücke | Michas Welt - Reportagen
von Michael Waldow

Ach, wie lang ist es her, als ich das letzte Mal bei der Rappbodetalsperre war oder gar beim Regenstein. In manchen Erinnerungen liegt auch viel Wehmut. So nehmen wir uns vor, diese Erinnerungen zu aktualisieren. Im Computer geht so etwas blitzschnell. Ein Button gedrückt und schon ist die Sache erledigt. Meistens jedenfalls, falls er nicht abstürzt.

Wie auch immer, wir möchten die Aktualisierung genießen und sie darf auch ein wenig dauern. Tut sie auch, denn erst einmal haben wir eine Fahrt vor uns, ohne besondere Vorkommnisse.

Bald schon haben wir viel Landschaft in der Vorbeifahrt genossen und finden uns auf dem großen Parkplatz an der Staumauer ein. Dieser gewaltige Bau aus Beton wurde von 1952 bis 1959 gebaut und zum 10. Jahrestag der DDR eingeweiht oder eröffnet. Hier steht also noch ein echt sozialistischer Bau und das sehr monumental. Doch vor dem Genuss kommt die Verwirrung und die findet immer noch auf dem Parkplatz statt. Wir mussten kein Ticket ziehen, das war gut. Schlecht war, dass wir keine Erklärung dafür fanden, am Ende die Parkplatzzeit bezahlen zu müssen. Woher wollen die Betreiber wissen, wie lange wir dort sind? Die Verwirrung ist nicht nur bei uns, sondern wie es scheint auch bei anderen Parkplatzbesuchern. Wir beschließen, der Sache bei der Abfahrt auf den Grund zu gehen, schultern unsere Rucksäcke und lösen ein Ticket für die Titanbrücke. Was da auf mich zukam, war einfach nur die Hölle. Ich bin nicht schwindelfrei und diese riesige, lange Brücke, die das Tal überspannte, spannte meine Nerven auf das Äußerste an. Ich kann es nicht leiden, wenn Sylvia über die Brücke geht und so tut, als sei diese verdammte Höhe das Normalste der Welt. Starr geradeaus schauend, mit beiden Händen links und rechts das Geländer haltend, stiefelte ich stur an den Leuten vorbei und das so schnell wie möglich. Die Natur genießen Fehlanzeige, mein Magen überlegte, ob er mich nicht einfach verlassen wollte. Schlimm war es einhändig an den Leuten vorbeizugehen. Manche blieben mitten im Weg stehen. Da war guter Rat teuer. Dazu kam noch die Schwingung. Ich sah schon den Überschlag vor mir und mich dem Wasser entgegenstürzen. Den Konstrukteuren wünschte ich die Pest an den Hals und Sylvia schnatterte vergnügt hinter mir etwas von der schönen Aussicht. Hat sich was mit Aussicht! Mein Blick klebte am Ende der Brücke und dies Ende schien kaum näher zu kommen, meins schon. Am Ausgang der Brücke stand ich wieder aufrecht und fotografierte selbstbewusst die Gegend und Sylvia, die weit abgeschlagen immer noch auf der Brücke war und permanent vor sich hinlächelte. War eigentlich nicht so schlimm, befand ich selbstbewusst, aber noch einmal dieses Monster zu überqueren? Nein, für nichts auf der Welt.

Meiner besten Freundin sendete ich ein paar Fotos von der Zipline, wo sich Wahnsinnige in eine Art fliegenden Schlafkoje zwängen und mit Höllengeschwindigkeit von einem Turm am Anfang der Brücke übers Wasser gleiten. Ich bedauerte sie und freute mich schon darauf, ihre Schreine zu hören, wenn sie das Video mitbekommen. Warum soll ich nur leiden? Sylvia war inzwischen bei mir. Mein Puls war auf den normalen Wert gesunken. Ich brauchte einen Milchshake und einen Keks, um die Hölle zu vergessen. Am liebsten wäre sie über die Brücke zurückgegangen. Da ich in meinem Alter aber kaum zu Adrenalinjunkies gehöre, hätte mich keine Macht der Welt wieder darüber gejagt.

Gott sei Dank war ein Rückweg wegen Corona nicht möglich und wir schlenderten gemütlich über die Staumauer zurück. Endlich war Natur da und ich hatte Zeit, mich meiner Fotografie genüsslich hinzugeben. Wie war dieser Weg doch so friedlich und so sicher. Ich fotografierte die Titanbrücke, deren höllischen Weg ich aus meinem Gedächtnis streichen wollte.

Da war dann nur noch die Sache mit dem Parkplatz. Also wie war das noch mal, kein Ticket, aber bezahlen nach Verweildauer. Also auf zum Automaten. Ein hagerer älterer Mann versuchte verzweifelt Münzen in den Schlitz zu stecken. Irgendwie ging das aber nicht. Wir gaben ihm gut gemeinte Ratschläge, die ihn aber wie es schien, nur wütender machten. Schließlich gab er auf: „Dann versuchen Sie es doch“, meinte er bockig zu mir und ging. Mit einer mir eigenen Seelenruhe, versuchte ich das Geheimnis des Automaten zu lösen. Aha, wir mussten unser Autokennzeichen eingeben und Sylvia hatte sofort eine weitere Eingabe: „Die haben uns gescannt“. An unserem Auto lüfteten wir das Geheimnis. Während der Einfahrt wurden wir von einer sehr großen Säule links vom Auto gefilmt, was wir aber übersehen hatten, da wir uns auf den Parkplatz rechts konzentrierten.

Endlich bei der Ausfahrt achteten wir besser darauf, hatten unser Aha-Erlebnis und weiter ging es zum Regenstein. Jedenfalls sollte das die bei Weitem ungefährlichere Etappe werden.

 

Beitrag Teilen

Zurück