Von Hamburg nach Santiago de Compostela - Eine Kreuzfahrt / Tag 4 - Etretat

Reisebericht | Michas Welt - Reportagen
von Michael Waldow

Das erste Auffallende an Le Havre ist das merkwürdige Denkmal, das irgendwie grellbunt durch die Gegend steht und eigentlich gar nicht in dieses graue Einerlei aus postmodernen Bauklötzerhäusern gehört.

Es ist riesig und besteht aus zwei Bögen, die um 90 Grad gegeneinander versetzt sind. Irgendwelche Metallplatten sind übereinandergestapelt und leuchten in den verschiedensten Farben. Erst später realisiere ich, dass die Metallplatten dreidimensionale Container sind, die die beiden überdimensionalen Bögen bilden.  In diesem Moment wird für mich aus einem anfänglichen unsinnigen Gebilde ein sinnvolles Kunstwerk, dass nun durchaus seine Berechtigung hat. Auch die Bauklötzerhäuser entpuppen sich als Bauten nach dem II. Weltkrieg, da Le Havre durch die anglo-amerikanischen Bomber arg zerstört wurde. Der belgische Architekt wurde und ist dadurch berühmt. Schön für ihn, schlecht für mein verwöhntes Auge. Da änderte auch der riesige achteckige Kirchturm nichts, der in den Himmel ragt und keiner Zeit zuzuordnen ist, aber vom selben Architekten konzipiert wurde.

Damit ist mein Interesse an Le Havre auch schon erloschen und ich kümmere mich um meine Fotoausrüstung, haben wir doch heute eine Panoramafahrt nach Etretat mit seiner berühmten Steilküste vor. Während ganz Europa unter einer Hitzewelle stöhnt, scheint sich der Wettergott ausgerechnet hier eine Regenpause zu gönnen und die Reiseleitung des Schiffes verteilt kurz vor der Abfahrt Regencapes an jeden Gast. Bald sitzen wir im Bus Nummer 20 und es gibt vor Abfahrt eine Ansage: „Sie erkunden Etretat auf eigene Faust und müssen 17:30 Uhr wieder am Bus sein.“ Damit ist es auch schon mit einer Reiseleitung für diese Tour vorbei und der altmodische Bus mit nachgebenden Sitzen und einer noch schlechteren Klimaanlage bringt uns ins 25 km entfernte Etretat. In dem Städtchen angekommen spukt er uns aus und überläßt uns für zweieihalb Stunden unserem Schicksal. Das ist alles nicht so schlimm, schließlich sind wir erwachsen, aber der stolze Preis von 69 € ist angesichts des lieblosen Geschaukels die reine Abzocke. Der Bus ist mit mehr als 60 Personen besetzt, das gab satte 4200 € für 50 km, dem Fahrer und seinen dreieinhalb Stunden Warten und Fahren.  Mit einem Taxi wären wir bei weitem besser weggekommen, aber die Reise wurde in den schönsten Farben angepriesen und es las sich gut im Prospekt auf dem Schiff, was eigentlich gar nicht die Wirklichkeit wurde.

Bis zur Abfahrt haben wir noch viel Zeit und ich tue das, was ich in den Momenten der Ruhe immer tue. Ich schreibe, vom jetzt und heute, von meinen Gedanken und meinen Erlebnissen und lasse mich über Gott und die Welt aus. Man nennt das eine eigene Meinung haben. Dazwischen versuche ich einen kleinen Plausch mit meiner besten Freundin, aber ihr Telefon kann mich irgendwie nicht leiden und macht nicht mal Anstalten, mich auch nur anzumelden. Meine beste Freundin ist halt solcherart Mensch, wie man ihn selten findet. Bei ihr kann man sich auch mal ausheulen, wenn mal wieder der Himmel die Erde berührt. Das macht sie dann ebenfalls, nennt es aber „auskotzen“. Da wir an einigen Projekten arbeiten und sogar einen eigenen Verlag gründeten, sind wir und unsere Familien auf besondere Art und Weise verbandelt. Dass es Menschen gibt, die das Wort „Beste Freundin“ auf ihre Weise interpretieren, haben wir schmerzlich erfahren und überstanden. Auch das schmiedet. So lass ich sie an meinen Reisen teilhaben und sie ist nach meiner Frau die Zweite, die die Beschreibungen liest und kritisiert. Ein paar Gedanken und Drinks (natürlich Zero – ohne Alkohol) später, ist es für unsere Panoramafahrt endlich soweit.

Etretat entschädigt als Ort und die Klippen rauben einem den Atem. Meine Kamera kommt gar nicht so schnell hinterher, die Augenblicke und die Augenweide einzufangen. Die steilen Klippen bestehen aus Kalk und Feuerstein, die sich in der Kreidezeit formierten. Bis zum Wasser gibt es einen Kieselstrand mit rundgeschliffenen Kiesel, auf denen man auch barfuß laufen kann. Zwei Tore in den Klippen, eigenartig geformt, der eine als höhlenartiger Durchbruch, der anderen als Bogen zum Wasser hin verjüngend mit einem spitz zulaufenden Felsen dahinter, beide rechts und links jenes ca. 2 km langen Strandes.

Wir setzen uns unter einem überkragenden Felsenvorsprung und genießen die einzigartige Aussicht und das Rauschen der Wellen. Das Rauschen indes scheint aus dem Felsen zu kommen, mehr noch, es wird von diesem verstärkt. Dabei entsteht ein Klang, wie wenn man sich eine Muschel ans Ohr hält, nur lauter und natürlicher. Möwen geben diesem Rauschen noch den gewohnten tierischen Sound von Meer und Küste dazu. Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein. Ich schaltete mich einen Moment ab, was schon ungewöhnlich genug ist, da ich das meist gar nicht kann. In mir entsteht eine ungeahnte Ruhe. Soviel Ruhe und Stille kenne ich schon lange nicht mehr. Eine Möwe entpuppt sich als Supermodel für den Fotoapparat und ein schwarzes Pärchen mit einem Schirm gibt ein besonderes Bild mit  dem an den Strand schlagenden Meer.

Irgendwann geht es zurück zum Bus durch das Städtchen Etretat mit urigen Häusern, alt und mit mittelalterlichen Charme, sowie überteuerten Preise für all das Mögliche und unmögliche Zeug, welches man als Tourist schön findet und gar nicht braucht. Verhungern kann man hier nicht, gibt es genug wunderschöne Tavernen, die einen Burger mit Pommes für 14,90 € anpriesen. Vorherrschend sind allerdings Fischgerichte mit Meeresfrüchten aller Art, lecker, aber auf dem Schiff gibt es so viel zu essen, da wird alles andere nur eine unnütze Kalorienanhäufung und ich muss dringend abnehmen. Das Bild des schwangeren Elefanten meines lustigen Bordstewards geht mir nicht aus dem Kopf.

Schon sind wir wieder im Bus und in mir bleiben die wunderschönen Bilder. Ich werde mich an manches noch zurücksehnen, habe viele Kamerabilder nur eben ohne Ton und Geruch. Das Schiff hat uns wieder und im Schlaf sind noch die Gedanken bei Felsen, Meer und Möwen.

Beitrag Teilen

Zurück