Johanneskirche: Direktkandidaten im Gespräch

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Politik | Aktuelles
von Tobias Fischer

(ens) Am 27. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Bis dahin buhlen die Parteien um Wählerstimmen

Johanneskirche: Direktkandidaten im Gespräch

(ens) Am 27. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Bis dahin buhlen die Parteien um Wählerstimmen. Die Johanneskirche hat am Mittwochabend den Startschuss zur Reihe der Wahlforen gegeben. Pfarrer Gerry Wöhlmann wollte bei seiner Veranstaltung "Woran glauben Sie?" einmal bewusst eine andere Richtung einschlagen und auch Themen ansprechen, die in normalen Wahlforen keinen Platz finden. Christoph Bergner (CDU), Johannes Krause (SPD), Petra Sitte (Die Linke) und Claudia Dalbert (Grüne) stellten sich seinen Fragen. Cornelia Pieper (FDP) hatte abgesagt.

In seiner ersten Frage konfrontierte Wöhlmann die Politiker mit deren Vergangenheit. Er selbst sei vor 20 Jahren Gemeindepraktikant in Wörmlitz gewesen und habe dort das erste Treffen des Neuen Forums mitorganisiert, so Wöhlmann. Christoph Bergner war damals Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität, kam durch einen Kontakt mit Heidi Bohley mit der Politik in Berührung. Bergner unterschrieb von Bohleys Schwägerin Bärbel initiierten Aufruf. “Es war ein Maß an Verzweiflung, wo sich die Gesellschaft hin entwickelt hat.” Immer mehr seien in den Westen abgehauen. Johannes Krause arbeite damals als BMSR-Facharbeiter bei Sangerhausen. In der dortigen Jacobikirche erlebte er die Friedensgebete mit. Aus der Ferne betrachtet hat Claudia Dalbert die Wende. Die in Köln geborene Politikerin arbeite damals in Heideberg, als sie die spannende Zeit miterlebte. Heute hat sich die Bündnisgrüne in Halle niedergelassen, ist seit 1998 Professorin an der Uni. Und: “Halle ist der Ort wo ich angekommen bin, der mir wichtig ist.” Petra Sitte hingegen war zur Wendezeit in der FDJ-Kreisleitung. Nach eigenen Angaben ist die in dem Gremium gewesen, um etwas im Land zu verändern. So habe man den Bitterfelder Appell im Studentenclub Turm verteilt.

Auf die Christliche Verantwortung und deren Bedeutung zielte die zweite Frage an die Kandidaten ab. Petra Sitte erklärte, ihre Schulfreundin sei eine Pfarrerstochter gewesen. “Ich war Einzelkind, und im Pfarrhaus war es immer voll. Das habe ich damals geliebt.” Als Atheisten hat die Linken-Politikerin mit Kirche kaum etwas am Hut. Mit den Religionen hat sie sich trotzdem beschäftigt. Die Schriften der Evangelischen Kirchen Deutschlands zur Finanzkrise und zur Armut lobte Sitte. Im katholischen Elternhaus aufgewachsen ist Claudia Dalbert. Heute ist sie konfessionslos. Ausgetreten aus der Kirche übrigens, weil sie mit der Haltung der katholischen Kirche zu bestimmten Fragen nicht einverstanden ist. Erfahrung mit dem Christentum hat bereits Johannes Krause. 10 Jahre habe er in der Synode mitgearbeitet. Von den halleschen Kirchgemeinden zeigte er sich enttäuscht, von ihnen wünschte sich der SPD-Mann mehr Zivilcourage. Er habe die große Angst, dass sich die Ereignisse aus der NS-Zeit wiederholen. “Ich bin Christ und war es auch schon zu DDR-Zeiten” sagte Christoph Bergner. Das ließ ihn auch bei der CDU landen. “Ich habe eine Partei gesucht, die nach dem christlichen Menschenbild ihre Politik ausrichtet.”

Abtreibung ja oder nein? Diese Frage beschäftigte Zuschauerin Heike Wiesner. Vor allem die mögliche Abtreibung von behinderten Kindern mit dem Down-Syndrom lag ihr am Herzen. Denn 92 Prozent aller Down-Föten würden abgetrieben. “Dabei gibt es bei uns die Möglichkeiten, ein behindertes Kind groß zuziehen.” Eine schwierige Frage, wie alle vier Politiker befanden. Gelungen sei es, die vorherige Beratungspflicht einzuführen, so Bergner. Damit sei es ein bißchen gelungen, den vorherigen Automatismus zu brechen. “Ich bin für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch”, erklärte die Grünen-Kandidatin Claudia Dalbert. Die hohe Zunahme bei den Abtreibungen von Kindern mit dem Down-Syndrom sei jedoch bedrückend. Deshalb müsse die Gesellschaft verändert werden, so gestaltet werden, dass Behinderte mit mehr Würde leben können. Ähnlich sah die Petra Sitte. Es müsse ein normales Bild werden, mit gehandicapten Menschen zu leben. Und Johannes Krause hobt die Beratungspflicht als wichtig hervor.

Ein weiterer Gast fragte die Kandidaten nach ihren wichtigen Themen, die auch für ihre Gewissen wichtig sind. Kinderarmut ist es für Petra Sitte. “Weil Halle stark betroffen ist.” In der nächsten Bundestagssitzung wolle man thematisieren, dass Ferienjobs von Kindern auf das Hartz IV angerechnet werden. Da sei der Anreiz weg, sich einen Minijob zu suchen und etwas hinzu zuverdienen. Claudia Dalbert liegt die Bildung am Herzen. Anspruch auf einen Kitaplatz ab dem 1. Lebensjahr, Ganztagsschulen, kostenloses Mittagessen, bessere Ausbildung der Erzieher, mehr Studienplätze, keine Studiengebühren - alles wichtige Themen für Dalbert. Finanzierbar durch den Bildungs-Soli. Als Gewerkschafter ist Johannes Krause das Thema Arbeit, Arm trotz Arbeit wichtig. 9000 Aufstocker gebe es in Halle, also Menschen die arbeiten gehen - aber so wenig verdienen, dass sie trotzdem Gelder vom Amt brauchen. Deshalb brauche es einen Mindestlohn. Außerdem müssten die einzelnen Bundesländer die Abschlüsse gegenseitig anerkennen. Auch die Frage des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan und der Atomausstieg sind Krause wichtig. So sei bis heute die Frage der Endlagerung des Atommülls nicht geklärt. Christoph Bergner hält den bioethischen Bereich für wichtig. Dazu gehören die Fragen nach lebenserhaltenden Maßnahmen und Sterbehilfe ebenso dazu wie die Embryonenforschung. Die Menschenwürde beginne für ihn schon in diesem Stadion, so Bergner.

Clemens Briest erkundigte sich bei der Grünen-Kandidatin nach deren Ansichten zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und ob dies nicht eine Herabwürdigung der Ehe sei. “Warum sollten denn Partnerschaften von unterschiedlichem Wert sein”, so Dalbert, die sich sogleich auf für ein Adoptionsrecht aussprach. Auch Petra Sitte verteidigte die so genannte “Homo-Ehe”.

Auf die restlichen Fragen aus dem Publikum ging niemand mehr so richtig ein. Christoph Bergner versuchte noch eine Publikumsfrage nach der Rentenangleichung Ost/West zu beantworten, verzettelte sich dabei aber ganz schön. Johannes Krause verteidige noch kurz die Abwrackprämie. “Das war eine Notmaßnahme, die wichtig war.” Das sah Claudia Dalbert erwartungsgemäß anders. Die Abwrackprämie sei ein weiter so mit alten Rezepten. Viel mehr hätten Elektroautos gefördert werden müssen, in erneuerbare Energien investiert werden müssen. Dalbert forderte zudem ein Tempolimit auf Autobahnen. Und Petra Sitte reagierte noch kurz auf Krauses Forderung nach einem Mindestlohn. Hätte die SPD im Bundestag zugestimmt, gäbe es diesen bereits. Die Abwrackprämie setzt auf Individualverkehr. Doch stattdessen müsse man den ÖPNV stärken, so Sitte.

Am Ende ließ Pfarrer Gerry Wöhlmann die Kandidaten noch eigene Fragen formulieren. Christoph Bergner besann sich auf die rasante Veränderung der Welt. “Wie halten wir da mit unseren Maßstäben mit?” Johannes Krause fragte, “wie kann es uns gelingen, dass die Menschen trotz Politikerfrust Verantwortung übernehmen , damit es keine Zuschauerdemokratie wird?” Claudia Dalbert bezog sich auf die Gerechtigkeit. “Ich frage mich: trägt es zu mehr Gerechtigkeit bei, was du gemacht hast?” Und Petra Sitte richtete ihre Frage ans Publikum. “Hat sich ihr Eindruck von Politikern bestätigt oder haben sie neue Erkenntnisse gewonnen?”

Letzteres dürfte schwierig gewesen sein. Alle vier Kandidaten antworteten zu kompliziert und teilweise auch an der Fragestellung vorbei. Das mag wohl auch an der Form gelegen haben. Denn das von Pfarrer Wöhlmann organisierte Wahlforum bot keinen richtigen Platz, sich gegenseitig die Parteiprogramme an den Kopf zu werfen, sondern verlangte nach kreativen Antworten der vier Direktkandidaten für die Bundestagswahl.

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