Gestörtes Verhältnis überdenken

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Kommentar zum Abend mit Sonia Mikich | Aktuelles

„Lügenpresse“ - das ist ein böses Wort. Es diffamiert, verallgemeinert und stigmatisiert. „Qualitätsjournalisten“ bis in die Chefetagen wehren sich dagegen, reagieren verständnislos, beleidigt, belehrend, ignorant, arrogant oder aggressiv, aber auch verwundert und nachdenklich.

Gestörtes Verhältnis überdenken

Das ist einerseits nachvollziehbar, anderseits steht das böse L-Wort am Ende einer Eskalationsspirale, die nicht von der Straße ausging, sondern von den mächtigen Medienkonzernen, denen der liebe Leser bitte aus der Hand fressen soll und die ihren Kontrollposten als vierte Gewalt im Staate längst verlassen und sich mit denen, die sie kontrollieren sollten, verbündet haben.

 

Der Verlauf des Diskussionsabends zum Thema „Kritische Auslandsberichterstattung aus Krisenregionen der Welt unter den Aspekten Glaubwürdigkeit, Geschwindigkeit und Onlinejournalismus“ geriet zu einem Paradebeispiel für die harte Frontlinie, die sich entwickelt hat zwischen wachsenden Teilen der Bevölkerung und den Massenmedien. Bürgerbefragungen durch Bettina Böttinger und Dunja Hayali stehen dabei für die selten gewordenen Augenblicke im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in denen sich die Menschen ernst genommen und verstanden fühlen und die Zuschauer den Eindruck haben, dass ihr Leben so abgebildet wird, wie sie es selbst erleben.


Sonia Mikich ist viel herumgekommen, hat Karriere gemacht, etliche Auszeichnungen bekommen. Leider ist sie dabei offenbar abgehoben. Jedenfalls vermittelte sie diesen Eindruck mit ihrem Auftritt in Halle. Sie sprach gerne über sich und ihre Sicht der Dinge, ließ sich durch die ehrfürchtigen Moderatoren befragen und hofieren, doch mit den medial ungeübten, teilweise etwas holzschnittartigen und vielleicht auch weniger differenzierenden Bürgern konnte sie so gar nicht umgehen. Das Publikum zu belehren und mit patzigen Retourkutschen zu reagieren, ist schlichtweg unprofessionell. So entstand kein Dialog. Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen und den Journalismus sind solche Auftritte ein Bärendienst. Das Publikum als Zwangsgebührenzahler ist der Gläubiger der öffentlich-rechtlichen Sender. Das wird allzu schnell vergessen.


Zu ihrem 65. Geburtstag in diesem Jahr wurde Mikich von Berufskollegen als „kämpferische Journalistin mit klaren politischen Positionen“ gefeiert. Das war auch am Dienstagabend so, nur ignorierte sie dort, dass ihre Aufgabe nicht der Kampf gegen, sondern allenfalls für das Publikum ist. Ein Studium der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl im Vorfeld des Abends wäre sicher hilfreich gewesen.


Die Medieneliten sind unter Druck geraten. Zu recht, denn sie haben sich ihre eigene Welt geschaffen und kokettieren all zu oft mit der Gunst der Politiker, denen sie bisweilen all zu ähnlich sind. Selbst unter der massiven Kritik ihrer Rezipienten zeigen sich etliche von ihnen uneinsichtig und bockig. Die offenkundige Entfremdung vieler Menschen von den „Qualitätsmedien“ ist, anders als am Diskussionsabend behauptet, keineswegs eine Folge der flächendeckenden Verbreitung des Internets. Das Internet hat diese Diskrepanz nur sichtbarer gemacht und verstärkt. Freilich hat Mikich recht, wenn sie beklagt, dass zahlreiche Falschnachrichten im Netz kursieren und mit höheren Klickraten als seriöse Nachrichten einen gefährlichen Trend setzen. Doch die Ignoranz und Arroganz gegenüber alternativen Medien, die bei derartigen Aussagen oft mitschwingt, zeigt das gefährliche Ausmaß der Betriebsblindheit. Da selbst die Gebührensender seit Jahren schon nach Quoten und Klickraten schielen, klingt die Kritik an der erfolgreicheren Konkurrenz auch ein wenig wie Futterneid.


Vor dem Internet konsumierten die Menschen brav, was in der Presse stand und im Radio und im Fernsehen kam. Nachrichten waren schwer zu prüfen, die Gegenöffentlichkeit schwerfällig, langsam und reichweitenarm. Spätestens mit dem schnellen Internet, Facebook, Twitter und Youtube haben sie Werkzeuge in der Hand, um selbst Medium zu sein. Die Mainstream-Medien sind unter wachsenden Druck geraten. Immer neue Beispiele von pro-amerikanischer und pro-europäischer Propaganda und insbesondere die Kriegsrhetorik gegenüber Russland haben nicht zuletzt bei unangepassten Menschen im Osten massiven Widerstand ausgelöst, denn sie sich besonders sensibel für zweierlei Maß.


Den unzufriedenen und kritischen Menschen ist es zu wenig geworden, nur Zuhörer zu sein und sie wollen sich in Diskussionsrunden nicht mehr in das Korsett zwängen lassen, nur Fragen stellen zu dürfen. Sie wollen auch Statements abgeben und sagen, wie sie die Dinge sehen. Sie wollen selbst Medium sein und sich nicht mehr automatisch dem Zwang unterwerfen, dass andere ihnen die Welt erklären. Das Gefühl einer signifikanten Zuschauergruppe, dass wesentliche Teile der Berichterstattung von ihrer Lebenswirklichkeit abweichen, hat in Verbindung mit einer nie dagewesenen Nachrichtenflut zu wachsender Verunsicherung und Misstrauen geführt.


Die Gilde sollte sich fragen, warum für sie im Zweifel Tempo mehr zählt als Qualität und warum ihr ein Platz in zumeist us-amerikanischen Thinktanks wichtiger ist, als die Freiheit von dem Verdacht, für Lobbyisten zu arbeiten. Die versprochene Glaubwürdigkeit ist dahin, wenn, wie es jetzt in Halle geschah, schon der Veranstalter ein Lobbyist ist. Im Festsaal der Leopoldina war es die Deutsch-Atlantische Gesellschaft (DAG). Berichte von journalistischen Reisen nach Tschetschenien, Afghanistan und in die Ukraine erscheinen in einem ganz anderen Licht, wenn man folgenden Satz der Selbstdarstellung der DAG gelesen hat: „Die Deutsche Atlantische Gesellschaft hat sich zur Aufgabe gemacht, das Verständnis für die Ziele des Atlantischen Bündnisses zu vertiefen und über die Politik der NATO zu informieren.“ An der Stelle wäre die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung als alleiniger Veranstalter unverfänglicher gewesen. Immerhin gibt es Berufskollegen, die genau das Problem bereits thematisiert haben. Unter dem Titel „Der Qualitätsjournalismus“ zeigte die Sendung „Die Anstalt“ die Unterhaltung der Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner über Journalisten, die in sicherheitspolitischen Thinktanks mitmischen. Die Sendung lief auf dem ZDF und führte zu einem heftigen Rechtsstreit.



Konflikteskalation nach Glasl

https://de.wikipedia.org/wiki/Konflikteskalation_nach_Friedrich_Glasl


Journalist kritisiert Medien aus eigenem Erleben

http://www.theintelligence.de/index.php/gesellschaft/volksverdummung/3708-es-gibt-keine-objektive-berichterstattung-in-den-massenmedien.html


Beitrag „Der Qualitätsjournalismus“ in der Sendung „Die Anstalt“

https://www.youtube.com/watch?v=-UJ7jK1T2go

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