Projekttag für eine kultursensible Pflege

Pflege | Gesundheit
von hallelife.de | Redaktion

Gute Pflege bedeutet, für alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen fachkompetent und einfühlsam da zu sein. Dieser selbstverständliche Anspruch gerät häufig dann an seine Grenzen, wenn Patienten aus einem anderen kulturellen Umfeld kommen als die Pflegenden. Denn auch der beste Wille schützt nicht vor Missverständnissen, die einer optimalen Pflege und Behandlung im Weg stehen. Insbesondere Patienten mit einem Fluchthintergrund bedürfen einer besonderen Ansprache, da neben der zu behandelnden Erkrankung oft die traumatisierende Erfahrung der Flucht eine zentrale Rolle spielt. 

Um ihren Auszubildenden das Rüstzeug für eine beiderseitig respektvolle und kultursensible Patientenbeziehung mitzugeben, hat die Christliche Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe in Halle (Saale) nun erstmals ein erfolgreiches Kurskonzept in den Unterricht integriert.

Das eintägige Seminar „Fakten statt Populismus“ wurde von der Gewerkschaft ver.di als Angebot der politischen Bildung konzipiert und bietet im Rahmen eines siebenstündigen Projekttages Information und Aufklärung, die zum besseren Verständnis von Menschen mit einem Fluchthintergrund führen soll. Gleichzeitig vermittelt es praktische Argumentationshilfen und lädt die Teilnehmenden zum Dialog ein. Seit einigen Jahren wird der Projekttag bundesweit für Auszubildende und junge Berufstätige, aber auch für Ausbilderinnen und Ausbilder angeboten. Projektsekretär Marcus Drobny erläutert die Intention: „Fakten statt Populismus ist ein etabliertes Seminarangebot, welches gerade unter den Pandemiebedingungen in seiner digitalen Form nachgefragt wird und mit den Auszubildenden auf Augenhöhe über die Themen Flucht, Asyl und Integration in den Austausch tritt. Zahlen, Daten und Fakten sowie interaktive Methoden helfen, Vorurteile abzubauen und einer gruppenbezogenen Ablehnung von Menschen präventiv zu begegnen.“ Im Zusammenhang mit der Pflege helfe das Projekt den Teilnehmenden, Urteilsfähigkeit und Aufgeschlossenheit gegenüber Patientinnen und Patienten, unabhängig von Ihrer Herkunft, zu entwickeln. 

Max Kluge ist Auszubildendensprecher der Christlichen Akademie und zugleich Auszubildender im zweiten Lehrjahr. Der 20-Jährige, der bereits eine Ausbildung zum Altenpfleger erfolgreich abgeschlossen hat, hat das Angebot an seinen Kurs mit insgesamt 24 Auszubildenden gerne angenommen und im Vorfeld intern beworben. „Im Gespräch mit den anderen Auszubildenden habe ich sofort die Neugierde gegenüber dem neuen Unterrichtsangebot bemerkt. Einen unbeabsichtigten Alltagsrassismus im beruflichen Umfeld ebenso wie tatsächliche Vorbehalte gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen sicher zu erkennen und argumentativ darauf zu reagieren, halte ich für sehr wichtig“, erzählt Kluge.

Der Projekttag besteht aus drei Themenkomplexen, in denen die Teilnehmenden sowohl Informationen erhalten, auch mit ihren eigenen Gedanken und Beiträgen eingebunden sind. Im ersten Teil wird dargestellt, warum Menschen sich gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen und es werden verschiedene Fluchtursachen erklärt. Im zweiten Teil packen die Teilnehmenden einen „fiktiven Koffer“ und stellen sich selbst die Frage, was sie auf eine Flucht mitnehmen würden. Anschauliche Beispiele verdeutlichen dabei den Teilnehmenden, wie es zu Missverständnissen in der Wahrnehmung kommen kann. So dient das Smartphone bei der im Schnitt rund 18- monatigen Flucht nicht als Luxus- oder Konsumgegenstand, sondern als Orientierungshilfe, Übersetzer und letzte Brücke zu den Angehörigen gleichermaßen. Im letzten Abschnitt des Projekttages wird aufgezeigt, wie Geflüchtete in Deutschland leben und mit welchen sprachlichen, kulturellen und bürokratischen Hürden sie konfrontiert sind. Speziell für die Auszubildenden der Christlichen Akademie wurde auch die Situation von Asylsuchenden im Gesundheitssystem der Bundesrepublik näher beleuchtet. Durch die Teilung des Kurses in zwei Gruppen mit jeweils zwei Dozentinnen konnte ein Austausch auch im kleineren Rahmen stattfinden. Hinzu kommt, dass grundsätzlich keine Lehrkräfte an dem Projekttag teilnehmen und den Teilnehmenden so der freiere Gedankenaustausch untereinander erleichtert wird.

Axinia Schwätzer, Geschäftsführerin der Christlichen Akademie, sieht in dem Angebot eine sinnvolle Ergänzung zu den pflegefachlichen Inhalten der Ausbildung: „Die Christliche Akademie ist seit 2020 Bestandteil des größten Schulnetzwerkes Schule ohne Rassismus – Schule ohne Courage. In diesem Jahr möchten wir den Themenschwerpunkt auf geflüchtete Menschen legen. Unsere Christliche Akademie steht für die Förderung der Menschenrechte und die Menschenwürde als wichtige Grundpfeiler des christlichen Handelns ein. Dazu gehört, sich bereits in der Ausbildung sachlich zu informieren, Informationen weiterzugeben und Fakten von Populismus trennen zu lernen.“

In den kommenden Wochen möchten die Verantwortlichen der Christlichen Akademie den digitalen Pilot-Projekttag zusammen mit den beteiligten Auszubildenden auswerten und gemeinsam entscheiden, ob das Angebot fester Bestandteil des Ausbildungsprogramms wird.

 

Den Teilnehmenden am Projekttag „Fakten statt Populismus“ wird unter anderem die Frage gestellt: Was würdest du auf eine Flucht mitnehmen? (Quelle: Fakten statt Populismus / Marcus Drobny)

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