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18.06.2017, 21:46 Uhr von Martin Schramme

Sachsen-Anhalt-Tag

Bibel, Backfisch, Bundeswehr

Es ist Sonntag, 18. Juni 2017, nachmittags in Eisleben. Der 21. Sachsen-Anhalt-Tag geht ins Finale. Die Sonne kracht. Die ersten verlassen das Festgelände der komplett gesperrten Innenstadt, doch es ist noch Betrieb vor den Bühnen und an vielen Ständen. Versprengte Kostümierte des vormittäglichen Festumzuges spazieren durchs Volk.

Im Baumschatten vor der Andreas-Kirche verteilt eine Frau, die von ihrem Glauben an Gott sichtbar beglückt ist, das Neue Testament. Neuer Druck, in blau, „in Luthers Sinne“ volksnah, wie sie sagt, klein und handlich und kostenlos! Zahlreiche Menschen haben sich in den Schatten gesetzt, den sie auf der Treppe neben dem Eisleber Rathaus fanden und blicken Richtung Bühne am anderen Ende des Marktplatzes. Mittelalterliches Flair an den Marktständen mischt sich mit neuzeitlicher Unterhaltungsmusik. Auf der großen Bühnenleinwand ist „Die Welt zu Gast in Luthers Heimatstadt“ (der Stadt, wo kaum mehr passiert als die Geburt des Bergbauunternehmersohnes und der Tod des Reformators). Davor links im Bild sehen gute Augen „Backfisch“. Auch auf der Treppe Treppen am Fuße des Luther-Denkmals sitzen Leute. Einige Schritte von ihnen stehen drei Musketiere, ihr gefiederter Kopfputz erinnert an die berühmten Romangestalten von Alexandre Dumas (1802-1870).

 

Ein Bischof, ein Knappe und zwei Maiden wandeln über die Straße, die noch für den Festzug abgesperrt ist. Einige Meter weiter am Plan sind teils höfisch gewandete Theaterleute unterwegs. Die letzten im Zug ziehen einen Bollerwagen, in dem rausgeputze Kinderlein sitzen. Die nächste Bühne samt Kinderkarussell kommt in Sicht. Am Straßenrand hat unter anderem der Imkerverband Sachsen-Anhalt sein Zelt aufgeschlagen. Ein Stück davon steht schicke rote Wagen des Puppen- und Teddymuseums Nienhagen. Menschen ziehen vorüber, der Sonne entgegen. Ein Pärchen bleibt stehen und inspiziert eine Forke. Einige Männer in ländlicher Kluft schleppen die Holzwerkzeuge durch die Gegend. Es geht in die Hallesche Straße Richtung Landwehr. Die Landesregierung und Landesbehörden haben hier zahlreiche Stände. Der erste, der ins Auge sticht, befasst sich mit der Stasi. Bürger füllen Anträge auf Akteneinsicht aus. 27 Jahre ist die DDR her, doch die dunkle Seite des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates produziert noch immer so viel Arbeit, dass Auskünfte teilweise erst nach drei Jahren zu haben sind. Damit die Antragsteller möglichst viel erfahren können, müssen sie Geburtsdatum und Anschrift vermuteter Spitzel selbst beschaffen.

 

Auch die großen Parteien sind in der Halleschen Straße wenige Schritte vom Lutherhaus. Bei vielen herrscht jetzt gähnende Leere, spürbarer Betrieb ist nur bei der AfD. Bürger sind in angeregten Diskussionen und drehen am Glücksrad. Kinder haben sich eine AfD-Tasse geangelt. Dass es bei den Blauroten so gut läuft, hat einige Stände weiter Widerstand geweckt. Neben pro-europäischen Druckwerken hängt ein großer Zettel: „Bitte keine AfD-Werbung ablegen“. Auch an den nächsten Ständen dürfte die AfD ein rotes Tuch sein. „Engagiert für Vielfalt“ steht dort und Junge, Alte und Einwanderer sind eifrig zugange. Besucher finden ringsum eine wahre Schwemme an Prospektmaterial über das weltoffene Bundesland und gegen rechte Gruppierungen und Gedanken. Die Landeszentrale für politische Bildung ergänzt den Kanon mit Aufklärungsschriften über den „SED-Diktatur“. Ein Thema: Der 17. Juni 1953.

 

Längst ist die nächste Bühne unüberhörbar. Eine afrikanische Formation trommelt nach Herzenslust. Unter ihnen vor der Bühne steht in großen Buchstaben: „Schule ohne Rassismus – Schule mit Zivilcourage“. Auf den Bänken vor der Bühne sitzen, bevorzugt im Schatten, überwiegend Einwanderer. Hinter der Landwehr haben Polizei und Bundeswehr das reinste Feldlager aufgebaut. Stärke, Präsenz und Bürgernähe sind das Gebot des Tages und der Strom der Interessenten reißt nicht ab. Die Kriminaltechnik hat einen Mordfall rekonstruiert und den Tatort realitätsnah nachgestaltet. Vor dem „Mansfelder Hof“ stehen Feldjäger. Einige Schritte weiter schauen Kinder und Erwachsene gebannt auf ein ferngesteuertes Kettenfahrzeug, mit dem verdächtige Materialien aus der Ferne erkundet und aufgenommen werden können. Unweit davon steht eine Soldatin an einem gepanzerten Bundeswehr-Fahrzeug. Anwohner mussten für die Waffenschau ihre Parkplätze räumen. In der Nachbarschaft folgen Minenräumfahrzeuge und weiteres Gerät von der Truppe. Hinter ihnen ist die Feuerwehr zu sehen.

 

Doch plötzlich werden die Menschen, die fachsimpeln und sich und ihren Nachwuchs für Fotos auf Polizeimotorräder und in Bundeswehrfahrzeuge setzen, in ihrem entspannten Zusammensein unterbrochen. Der Spielmannszug Bad Lauchstädt verlässt das Festgelände mit klingendem Spiel. Als wieder Ruhe einkehrt, ist Zeit für einige Fragen zu den Ausstellungsstücken des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Von Clustermunition der Luftwaffe und dem Panzerschreck des Volkssturms über Flak-Munition bis hin zu panzerbrechenden Waffen der Roten Armee ist alles zu sehen. Am Himmel taucht ein kleines Flugzeug auf, fliegt im Kreis und zieht eine Nebelspur hinter sich her. Kleiner Gag am Rande. Derweil erklärt die Polizei zufrieden, dass der Sachsen-Anhalt-Tag ruhig verlaufen ist. Keine besonderen Vorkommnisse. Wegen der allgemeinen Gefährdungslage nach den Terroranschlägen der vergangenen Monate ist die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte erhöht. 100 Polizisten wurden durch einen Wachdienst verstärkt. In einem Hauseingang in Sichtweite der weltoffenen Sachsen-Anhalt-Bühne steht ein Polizist mit Maschinengewehr. Wie der Ernstfall aussehen würde, etwa auch bei Gefährdungslagen außerhalb des islamischen Terrors bleibt an diesem Nachmittag unklar. Jedenfalls versuchen vielen Menschen vergeblich, mit ihren Smartphones Bilder zu versenden oder abzurufen. Bei solchen Großereignissen sei das nicht ungewöhnlich, ist zu hören. Man wünscht sich, dass das nur eine Ausnahme ist.  

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