Spätmittelalterliches Versteck im jungsteinzeitlichen Grabengeviert – Erdstall bei Reinstedt, Landkreis Harz, entdeckt
Im Zuge von Ausgrabungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt bei Reinstedt, Landkreis Harz, konnte im Bereich einer mittelneolithischen Grabanlage ein ganz besonderer Befund dokumentiert werden. In den Trapezgraben der Baalberger Kultur des 4. Jahrtausends vor Christus war im Spätmittelalter ein sogenannter Erdstall eingebracht worden, das heißt ein unterirdisch in den Löss gegrabenes Gangsystem. Die Deutungen von Erdställen erstrecken sich von Verstecken bis hin zu Räumen für kultische Handlungen.
Ende 2025 fanden bei Reinstedt, Ortsteil von Falkenstein, Landkreis Harz, archäologische Untersuchungen im Vorfeld des Baus von Windkraftanlagen statt. Auf einer flachen Erhebung östlich des Orts, die Dornberg genannt wird, erbrachten die Ausgrabungen einen Trapezgraben der Baalberger Kultur (4. Jahrtausend vor Christus), mehrere schlecht erhaltene, vermutlich endneolithische Hockerbestattungen des 3. Jahrtausends vor Christus sowie die Reste eines möglicherweise bronzezeitlichen Grabhügels des 2. Jahrtausends vor Christus.

Luftbild des mittelneolithischen Trapezgrabens, im Südosten ist die Störung durch den spätmittelalterlichen Erdstall zu erkennen. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Simon Meier
Im Verlauf des südlichen Teils des Trapezgrabens fiel eine langovale, etwa zwei Meter lange und bis zu 75 Zentimeter breite, gut abgrenzbare Grube auf, die nahezu rechtwinklig den Graben schnitt. Im Norden der Grube lag eine größere Steinplatte. Dies führte zu der Vermutung, dass es sich um ein Grab handeln könnte – der Befund stellte sich im Verlauf der Ausgrabungen jedoch als etwas ganz anderes heraus. Die Grubenverfüllung zeigte schräg nach Norden abfallende Schichten und nahm kein Ende, sondern führte immer tiefer in den hellen und sehr festen Lössuntergrund in das Innere der steinzeitlichen Anlage hinein. In der Verfüllung fanden sich spätmittelalterliche Keramik und zahlreiche Steine, auch hatten sich kleinere Hohlräume im oberen Teil erhalten. Rasch wurde klar, dass es sich um einen sogenannten Erdstall handelte. Erdställe sind von Menschenhand geschaffene unterirdische Gangsysteme, teils mit kammerartigen Erweiterungen, die insbesondere in Regionen mit festen, gut zu bearbeitenden Böden – wie etwa Löss – vorkommen. Die Deutungen erstrecken sich von Verstecken bis hin zu Räumen für kultische Handlungen.

Große Nische nach Abbau der Steinsetzung. Zuunterst ist die Stufe gut erkennbar. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Ulf Petzschmann.
Beim schichtweisen Abtragen der Verfüllung im Norden des Reinstedter Erdstalls öffnete sich ein schmaler, nach Nordwesten gekrümmter Gang, in dem ein Hufeisen, ein Fuchsskelett sowie viele weitere Knochen von Kleinsäugern lagen und zuunterst auch eine Holzkohleschicht freigelegt werden konnte. Da unter der Holzkohle keine Rotfärbung des Untergrunds, sondern nur eine Verhärtung festgestellt wurde, wird es sich um die Reste eines nur kurz brennenden Feuers gehandelt haben. Der Gang von knapp einem Meter bis rund 1,25 Metern Höhe war zum Teil mit einem Spitzgiebel überdacht und zwischen 50 und 70 Zentimeter breit. An der schmalsten Stelle des Eingangs fiel eine Häufung übereinander gestapelter größerer Steine auf, die auf ein absichtliches Verschließen des Eingangs hindeuten könnten. Im Eingangsbereich fand sich eine Stufe im Löss, in der Grubenwandung eine Nische.

Vollständig freigelegter Gang des Erdstalls mit Spitzgiebel und kleiner Nische in der Wandung. Ganghöhe um einen Meter, Breite 50 bis 70 Zentimeter. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Ulf Petzschmann.
Es stellt sich die Frage nach der Interpretation des Befunds. Die Anlage des Erdstalls in einer wohl noch obertägig erkennbaren jungsteinzeitlichen Trapezgrabenanlage mag der Wiederauffindbarkeit gedient haben. Vielleicht wurde der Platz aber aufgrund des besonderen Ortes, einem heidnischen Grab, von der Bevölkerung allgemein gemieden und eignete sich daher besonders gut für ein Versteck.






