Wie hat die Pandemie das Leben von Grund-Schüler*innen verändert?

Hauptsache Halle | Vermischtes
von hallelife.de | Redaktion

Hygieneregeln sind an Grundschulen derzeit wichtiger als pädagogische Konzepte, Erstklässler*innen kennen Schule nur unter Corona-Bedingungen. Was macht das mit dieser Schüler*innen-Generation? Laut Umfrage haben in der Tat seit dem Frühjahr 2020 viele Grundschüler*innen in Halle ihre Schule fast 8 Monate nicht von innen gesehen, keinen – ihnen laut Gesetz zustehenden Unterricht – sprich Bildung – erhalten. Ein Zustand, welchen man als grob fahrlässigen Bildungsentzug benennen muss!

Wissenschaftler*innen und Psycholog*innen sagen, dass Schulschließungen aber auch Distanzunterricht langfristig schwerwiegende Folgen, vor allem in den ersten Schuljahren und vor allem für Kinder aus sozial benachteiligtem Umfeld haben. Das können viele Schulleiter*innen bestätigen.

Ein prägnantes Beispiel einer Grundschule in Halle in einem sozialen Brennpunkt: hier liegen die grundsätzlichen Bedenken der Schulleitung und der Lehrerschaft bei den Kindern der 1. Klassen, da es hier äußerst schwierig ist, im Distanzunterricht eine Basis zu schaffen und die Kinder die Struktur der Schule nicht wirklich kennen lernen können. Von den 4-zügig eingeschulten 1. Klassen wird voraussichtlich ein Großteil das Klassenziel nicht erreichen können und in der Schuleingangsphase „verweilen“. Von den 2. bis 3. Klassenstufe ist es wahrscheinlich, dass viele Schülerinnen und Schüler starke Versetzungsschwierigkeiten haben und große Lernlücken aufweisen. Hier sprechen wir erst einmal nur von großen Lücken in Mathematik und Deutsch – sprich Lesen und Schreiben und Rechnen. Die anderen Fächer wie Musik, Kunst, Englisch, Sport / Schwimmunterricht, Schulgarten etc. werden schon lange nicht mehr (regelmäßig) unterrichtet – hier auch auf Grund permanenten Lehrermangels. Konkrete Aussagen über Versetzungen oder Verweilen können aber erst in den Konferenzen zum Halbjahr konkret ermittelt werden. Hierbei müssen natürlich die Eltern mit ins „Boot“ und von der positiven Chance überzeugt werden, wenn es um ein Verweilen ihres Kindes geht.

„Die Kinder dieser Schule leben in Familien, die teilweise sehr bildungsfern agieren und wenig bis keine Unterstützung seitens der Eltern erfahren, da diese ebenfalls über wenig Bildungspotential verfügen. Komplexe Aufgaben sind oftmals für diese Eltern (so das Feedback der Eltern selbst) nicht lösbar. Die Kinder sind auf die Unterstützung der Lehrkräfte angewiesen. Einige Lehrkräfte kompensieren diese Defizite am Telefon. Mehr Möglichkeiten haben wir in unserem Bereich kaum, da die technische Ausstattung der Elternhäuser nicht ausreicht bzw. in Mehrkindfamilien die Kapazität ausgereizt ist“, so die Aussage der Schulleitung.

Die Empfehlung der sehr engagierten und auf das Wohl der Kinder bedachten Schulleiterin ist ganz einfach: die Wiederholung eines ganzen Schuljahres – im Interesse der Kinder. Zum einen, um überhaupt den Schulstoff – welcher allen Kindern rechtlich zusteht - ordentlich vermittelt zu bekommen, zum anderen um Schulfrustration durch mangelnde Bildungsvermittlung in den höheren Klassenstufen entgegenzuwirken und Misserfolge vorzubeugen.

Natürlich sagen das Bildungsministerium und die Kommunen – „wir haben keine Räume für die „Wiederholer“ und keine Lehrkräfte“. Hier sage ich aber, „Wo ein Wille, da ein Weg“. Die Räume finden sich z.B. in einer temporären Doppelnutzung von Horten, der Nutzung von Gemeinderäumen, Vereinsräumen, etc. und die Stoffvermittlung könnte über Lehramtsstudierende in den letzten Semestern erfolgen. Somit hätten diese gleich praktische Erfahrungen und Kontakte zu ihren „zukünftigen Broterwerbsbringern“, aber auch einige Lehrkräfte im Ruhestand würden bestimmt ein paar Stunden wieder unterrichten wollen.

Die Politiker auf Bundesebene, aber auch auf Landes- und kommunaler Ebene tragen die Verantwortung – gerade für die junge Generation, welche später einmal die Wirtschaft in Schwung bringen bzw. halten soll und da können und dürfen wir uns keine Fehler leisten bzw. keine „CoronaGeneration“ auf der Strecke lassen, nur weil wir „keine Räume haben“. Denn nur gut aus-/gebildete und sozial kompetente junge Leute machen die Stärke der Wirtschaft einer Kommune, eines Landes von morgen aus – dies steht seit Jahren in einem kausalen Zusammenhang (siehe Schulentwicklungsund Marktforschungsergebnisse seit 2000) und muss auch von politisch Verantwortlichen begriffen und aktiv unterstützt werden!

Lassen Sie uns gemeinsam nach praktischen Lösungen suchen – jetzt und nicht erst nach der Landtagswahl oder „nach Corona“ (wann immer das sein wird).

In höheren Klassenstufen kann man – wenn es denn funktionieren würde – digital unterrichten und digital den Kindern das Wissen zuführen, was ihnen laut Gesetz zusteht. Aber auch hier stellten viele Landeselternausschüsse fest: „Es funktioniert nicht - Punkt. Und es muss funktionieren - Punkt. Mehr kann man dazu aus Elternsicht nicht sagen“, erklärte Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses Berlin beispielgebend.

Und: „Deutschland ist mit der Digitalisierung zehn Jahre zu spät dran.“

Lassen Sie uns gemeinsam mit den zuständigen Ministerien Verantwortung tragen und den Schülern und Schülerinnen die Bildung zu teilwerden, die ihnen per Gesetz zusteht – für sie ganz persönlich und für unsere Stadt und unser Land!

 

Stadträtin Beate Gellert

Fraktion Hauptsache Halle

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